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100 Jahre Biotechnologie

Großes wurde bisher mit Hilfe der Biotechnologie schon erreicht und das in den verschiedensten Bereichen – ob Medizin, Ernährung und Landwirtschaft oder industrielle Produktion. Ohne den Einsatz der Biotechnologie sähe unser aller Alltag sehr viel anders aus. Etliche Produkte wären nicht oder kaum verfügbar bzw. deutlich teurer, so zum Beispiel Fleisch oder Käse, Brot und Bier oder Vitamine. Die Biotechnologie ist eine  so genannte Schlüsseltechnologie, da sie einen sehr weiten Anwendungsbereich hat.

Schlüsseltechnologien haben laut EU-Kommission ein enormes Potenzial, das Wirtschaftswachstum zu befeuern und Arbeitsplätze zu schaffen.* Daher ist es umso erstaunlicher, bedauerlich und langfristig nachteilig, dass ein großer Teil der (deutschen) Bevölkerung die vielen erfolgreichen Anwendungsbeispiele und das Potenzial der Biotechnologie entweder unterschätzt, geringschätzt oder gar nicht kennt. Aber nur mit Unterstützung einer breiten gesellschaftlichen Basis wird es möglich sein, das volle Potenzial der Biotechnologie zum Nutzen der Menschheit zu entfalten. Die Biotechnologe-Industrie-Organisation Deutschland (BIO Deutschland e. V.) vertritt die von kleinen und mittleren Unternehmen geprägte deutsche Biotechnologie- Industriebranche. Der Verband hat sich zum Ziel gesetzt, die Entwicklung eines innovativen Wirtschaftszweiges auf Basis der modernen Biowissenschaften zu unterstützen und zu fördern.

Dazu muss auch gehören, in der Öffentlichkeit mehr Bewusstsein für die Errungenschaften der Biotechnologie zu schaffen. „100 Jahre Biotechnologie“ heißt die Initiative, die BIO Deutschland Anfang 2019 startete, um das gesamte Jahr hindurch die Biotechnologie besonders zu würdigen. Zwar nutzen Menschen schon seit tausenden Jahren Gärungsprozesse um Bier herzustellen oder Brot zu backen – damals ohne besonderes Wissen über die biochemischen Vorgänge. Der Begriff „Biotechnologie“ wurde allerdings erstmals 1919 in Deutschland geprägt, als der Direktor der Viehverwertungsgenossenschaft ungarischer Großgrundbesitzer, Karl Ereky, in Berlin sein Buch „Biotechnologie der Fleisch-, Fett- und Milcherzeugung im landwirtschaftlichen Großbetriebe für naturwissenschaftlich gebildete Landwirte“ veröffentlichte. Darin erörterte Ereky die Grundsätze, „nach denen der tierische Organismus als biotechnologische Arbeitsmaschine Lebensmittel erzeugt“. Sein vorrangiges Ziel war die Erhöhung der Fleischproduktion. Insgesamt wies er „alle die Arbeitsvorgänge, bei denen aus Rohstoffen mit Unterstützung lebender Organismen Konsumartikel erzeugt werden, dem Gebiete der Biotechnologie zu“. Mit unserem heutigen Verständnis von Biotechnologie stimmt diese Auffassung insofern überein, als sie auf den Resultaten des Stoffwechsels von Lebewesen basiert, ebenso wie die Definition der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Demnach ist Biotechnologie „die Anwendung von Naturwissenschaft und Technik auf lebende Organismen, wie auch auf Bestandteile, Produkte oder Modelle von ihnen, um lebende oder nicht lebende Materialien so zu verändern, dass sie dem Erkenntnisgewinn, der Produktion von Gütern und der Bereitstellung von Dienstleistungen dienen“. In der modernen Biotechnologie verschmelzen die Forschungsergebnisse zahlreicher Fachgebiete in interdisziplinärer Anwendung.
Das Themenjahr „100 Jahre Biotechnologie“ feiert besonders bemerkenswerte Meilensteine aus Wissenschaft und Industrie. Wir blicken zurück auf große Leistungen, geniale Forschung sowie Erfindungen und Entwicklungen, die dem Wohl der Menschheit gedient haben und noch dienen. · Wie wäre unser Leben ohne (wirksame) Antibiotika wie das Penicillin? 1928 von Alexander Fleming entdeckt, aber erst ab 1942 biotechnologisch in ausreichenden Mengen für Patientinnen und Patienten produziert. · Oder denken Sie an Ihre Wäsche. Biotechnologisch hergestellte und verbesserte Enzyme erlauben es seit 1968 auch hartnäckige Flecken in der Waschmaschine ohne übertriebenen Energieaufwand zu entfernen. Lieben Sie Käse? Dreiviertel des in Deutschland produzierten Käses werden heute mit Labenzym hergestellt, das aus gentechnisch veränderten Mikroorganismen gewonnen wird. Ursprünglich extrahierte man dieses für die Milchgerinnung nötige Enzym aus den Mägen milchsaugender Kälber. Die günstige Käseproduktion gelingt in Deutschland seit 1997 durch die Beigabe des biotechnologisch erzeugten Labs. · Neben der Entdeckung des Penicillins wurden in den letzten 100 Jahren noch zahlreiche weitere, bahnbrechende Entdeckungen gemacht, die zum medizinischen Fortschritt beigetragen haben. So helfen heute Antikörper effektiv Krebs- und Rheumapatienten.

Das Herstellungsprinzip solcher Antikörper wurde erstmal 1975 entdeckt. · Insulin, für Diabetiker lebenswichtig, wurde ursprünglich aus Bauchspeicheldrüsen von Rindern und Schweinen isoliert. Seit 1982 ist gentechnisch hergestelltes menschliches Insulin verfügbar und ermöglicht so, die weltweit steigende Zahl der Diabetiker sicher zu versorgen. · Gebärmutterhalskrebs ist die vierthäufigste Krebsart bei Frauen. 1983 und 1984 wurde erstmals gezeigt, dass diese Krebsart durch Viren ausgelöst werden kann. Seit 2006 ist ein Impfstoff auf dem Markt, der effektiv vor einer Infektion mit diesen Viren schützt. So können tausende von Krebserkrankungen verhindert werden. Wir möchten aber nicht nur auf Erreichtes zurückblicken, sondern auch vorausblicken und die Frage stellen, wie die Entwicklung der Biotechnologie unser Leben in den nächsten 100 Jahren beeinflussen wird. Gerade im Hinblick auf die rasante Entwicklung neuer Methoden wie z. B. die Genom- Editierung ist es wichtig zu diskutieren, welches Potenzial besteht, welche Optionen wir haben und wie die Gesellschaft damit umgehen möchte. Nur basierend auf Fakten, kann diese Diskussion sinnvoll geführt werden.

Dr. Claudia Englbrecht
Managerin Öffentlichkeitsarbeit, Bio Deutschland