Bitte ein … Coin!

Werden Sie auch so genervt von den ganzen E-Mails, die einem ins Haus geschaufelt werden mit den absurdesten Versprechungen? 5.000 pro Tag nur mit Knopfdruck verdienen! Herr Beikircher, lehnen Sie sich zurück und lassen Sie Ihren Rechner für Sie Geld machen! Millionär in einer Woche! Etc pp.

Das alles soll mit Bit-Coins funktionieren, dem virtuellen Zahlungsmittel, von dem keiner weiß, was das ist und wie das funktioniert. Und alle sagen: die Chinesen seien da wie jeck dahinterher und da stecke unglaublich viel Kohle drin, die aber solle real sein. Fin Tech heißt das Zauberwort und ist, wenn Sie mich fragen, nix als eine moderne Art Hütchen- Spiel, bei dem mit Garantie weder Sie noch ich den Becher in
der Hand halten. Das tun natürlich andere. Bit-Coins, ph! Ich bitte  Sie. Das klingt ja, als wäre es ein Bier, das in Köln sowieso keiner trinkt. So wie Pay-Pal, was ja in kölschen Wirtschaften die Bedeutung von zahl mal! hat, wenn einer zufällig kein Geld dabei hat. Dann dreht man sich einfach zum Nachbarn um, sagt: „Pay Pal“ und geht. Kurz: Fin Tech, also digitale Finanzdienstleister, interessieren den Rheinländer sowas von überhaupt nicht und das aus gutem Grund: er hat schon vor Jahrhunderten Finanzierungsmodelle entwickelt,
die ihn nichts kosten, die aber ungeheuer effektiv zu seinen Gunsten funktionieren. Da wird mit virtuellem Geld, also mit dem Geld anderer, realer Mehrwert geschaffen, zum Beispiel der Kölner Dom. Der hat einige Jahrhunderte zur völligen Zufriedenheit der Kölschen halb fertig dagestanden, oben drauf schaute keck der Kran in die Luft und sah aus wie eine Karnevalsmütze und gut war’s. Die Preußen wollten aber unbedingt den Dom „fertigstellen“, wobei sie nicht wussten, dass „fertigstellen“ ein Wort ist, das im kölschen Vokabular überhaupt nicht vorkommt, die Kölner ließen sie gewähren und bekamen so einen Dom hingestellt, der auch wie einer aussah. Und lachen sich heute noch über die dummen Preußen kapott!

Oder: Napoleon säkularisierte, als er in Köln war, alles, was ihm unter die Finger kam, schloß eine Kirche nach der anderen bzw. machte Pferdeställe aus ihnen und gerierte sich überhaupt sehr unkölsch. Wallraf klapperte nun die Kirchen in Köln und Umgebung ab und kaufte den verdatterten Pfarrerchen die Altarbilder und was sonst noch an Bildern oder Heiligenstatuen da herumhing oder -stand für einen Pappenstiel ab. Den Franzosen gegenüber deklarierte er es als Brennholz und stapelte so die ganze Kunst aus dem Mittelalter, der Renaissance und dem Barock bei sich im Keller, um daraus dann ein Museum zu machen. Da kam ihm aber der Tod zuvor. Er ahnte, dass wohl nichts aus dem Museum für Kölner werden würde, wenn er nicht mehr da ist und hatte eine geniale Idee: er vermachte auf dem Sterbebett seine ganze, ungeheuer reiche Sammlung der Stadt Köln. Die freute sich pflichtgemäß wie jeck, stand aber damit vor der Frage: wohin met dem janze Krempel? Museum? Hammer nit. Eines bauen? Wie?: Neu? Extra dodefür? Hammer kei Jeld für! Also wartete man ab. 30 Jahre. Solche Ideen – und das ist das wesentliche Element am rheinischen Finanzierungsmodell – müssen reifen. Reifen, bis sich einer findet, der „jet an de Fööß“ hat. Und das war der Herr Richartz: der war ein reicher Kaufmann und spendete der Stadt Köln 100.000 Taler, damit ein Museum gebaut wird und 1861 isset dann endlich so weit: das heißt, die Stadt Köln hat so lange gewartet, bis einer mit Geld kam. Das ist Sparen op Kölsch.

Und wenn es mal danebengeht, ist er auch origineller als andere: Erinnern Sie sich an den Januar 2006? Das war für viele Kölner ein Panik-Monat par excellence. Da kam die Steuersünder CD aus Lichtenstein nach NRW und die Landesregierunghatte nix besseres zu tun, als sie zu kaufen. Wobei sie fundamentale rheinische Gesetze mit Füßen trat, denn: Lichtenstein ist rechtsrheinisch! Das muss man
sich mal vorstellen, rechtsrheinisch! Von denen kann man doch nix kaufen und schon gar nicht so was sensibles wie eine Steuerhinterziehungs-CD! Lichtenstein, ph! Hätte der Zumwinkel damals gewusst, dass Lichtenstein rechtsrheinisch ist, hätte er das Geld auch direkt nach Porz bringen können, oder?! Hätte er sich gut 800 Kilometer schon mal gespart. Da war, weil auf dieser CD überwiegend rheinische bzw. kölsche Hinterziehungsaktivisten drauf waren, in Köln erstmal Panik angesagt: Steh ich auf der CD? Steh ich nicht auf der CD? Es gab im Januar überhaupt kein anderes Gespräch mehr als dieses. Bei den Prunksitzzungen blieben immer mehr Plätze in den vordersten Reihen frei, weil von den Promis, die – umsonst übrigens – dort sitzen, immer mehr sich nicht mehr in der Öffentlichkeit zeigen wollten, wegen der CD. Schnell aber drehte sich das ganze Spiel um: schon gegen Ende Januar war nicht mehr die Frage im Vordergrund „Steh‘ ich auf der CD?“ sondern plötzlich hieß es typisch kölsch: „Wie: Ihr steht nicht auf der CD? Habt Ihr nix an de Fööß?“ und Ende. Damit war der Schrecken gebannt und alles war wieder im Lot. Es hat sogar einen gegeben, der ‚vorübergehend‘ seinen Wohnsitz für ein paar Wochen von Köln nach Bochum verlegt hatte, weil er mal eine U-Haft-Zelle ausprobieren wollte, so als Art moderner weltlicher Exerzitien ohne Kloster. Dort wurde er nun von seinem Kölner Anwalt, Fachmann für Steuerrecht, besucht.

Man tauscht Informationen aus so à la: „Wissen Sie denn überhaupt, wo Lichtenstein liegt?“ „Nöö“ „Super, dann habe ich ja schon mal ein gutes Argument, nämlich: Hohes Gericht, wie soll denn einer Schwarzgeld
nach Lichtenstein bringen, wenn er noch netens weiß, wo Lichtenstein überhaupts is?“ Dann erhebt sich der Anwalt, beruhigt den Mandanten und will schon gehen, da sagt der zu ihm: „Sarens, Herr Doktor, dat Honorar “ Kann ich dat so bezahlen?“ und macht dabei mit der Hand so Kreisbewegungen, von denen jeder weiß, was sie bedeuten. So sicher kann sich nur fühlen, wer seit Jahrhunderten Praxis in der virtuellen Finanzierung hat. So ist sicher auch das Ander- Konto entstanden, oder?! Ahem … Sie sehen aber: Fin Tech
braucht der Rheinländer nicht: er kommt billiger und effizienter an das Geld anderer Leute, weil er eine große
Tugend hat, die er unserer ungeduldigen Zeit entgegenhalten kann: Geduld, bzw. Sitzleder. Das müssen die Bit-Boins-Rastellis und Pay-Pal-Jongleure erst noch lernen.

Viel Spaß dabei!

Konrad Beikircher

© Harm Bengen / Catprint Media GmbH

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