Corona op Kölsch

When nothing goes right, go left!

von Konrad Beikircher

Tja, Herrschaften aus dem Rechtsrheinischen oder sonstigen abseitigen Gegenden: Vom Rheinländer lernen heißt überleben lernen, ob Corona oder Kriege oder Finanzkrisen. Die Fähigkeit, flexibel die Wirklichkeit zu interpretieren, ist einmalig und extrem hilfreich, denn: wenn Du an der Wirklichkeit nichts ändern kannst, dann musst Du sie eben anders interpretieren, so nach dem bewährten britischen Motto: When nothing goes right, go left!

Das konnte der Rheinländer immer schon. Albert Einstein, einer der größten mentalen Rheinländer, hat das ja schon erkannt: wenn der Apfel nicht vom Baum fallen will, dann musst du halt den Raum drum herum krümmen, dann fällt der schon. Nur: krümmst du ihn zu stark, fällt er nach oben, da sind die Relativitäts-Theoretiker noch dran, schauen wir mal, dann warten wir ab und dann werden wir schon sehen. Kleines Beispiel für das rheinische Verhältnis zur Realität (wobei wir bitte immer den genialen Satz von Helmut Kohl im Kopf halten sollten: „Die Wirklichkeit, meine sehr geehrten Damen und Herren, und das sage ich in aller Offenheit, die Wirklichkeit ist oft ganz anders als die Realität!“):

Ich muss nach Hamburg. Ich steige in Köln in den ICE ein. Ich weiß, der ICE fährt über Wuppertal, Dortmund, Münster etc. Ich sehe, dass der ICE hinter Deutz anders fährt. Nach gut zwanzig Minuten Fahrt auf völlig fremder Strecke sagt der – rheinische – Zug-Kapitän: „Meine Damen und Herren, wir nähern uns nicht Wuppertal, wir nähern uns Düsseldorf Hbf. Grund: Mir han uns verfahre!“. Das ist genial: keiner ist böse, die Erklärung ist witzig
und ändern können wir es ja sowieso nicht. Also: When nothing goes right, go left!

Bei den Finanzkrisen war es dasselbe, auch sie konnten den Rheinländer und da speziell den Kölschen nicht aus der Contenance bringen. 2006 war ja die Geschichte mit Liechtenstein: ein whistle-blower aus einer der Banken bot der Landesregierung in Düsseldorf auf eienr CD Daten von Steuersündern an, die Schwarzgeld nach Liechtenstein gebracht hatten.

Übrigens: als ich nachschaute, wo Liechtenstein genau liegt, hab ich gesehen: es liegt rechtsrheinisch. Mehr muss ich da wohl nicht sagen! Die Landesregierung gab sich zunächst ziemlich g’schamig, das könne man ja nicht kaufen, das sei ja ein unehrenhaftes Geschäft, die Landesregierung würde da ja quasi zum Hehler werden etc etc. Dann warfen die Düsseldorfer einen Blick auf die CD und sahen, dass da nur Kölner Steuerhinterzieher drauf standen. Schwupp! Waren die moralischen Bedenken zerstreut und dat Ding wurde gekauft. Nun isses ja so: die rheinische Demokratie ist eine Staatsform, die sich insbesondere durch Transparenz auszeichnet. In der Staatskanzlei arbeiten ja nicht nur Düsseldorfer, da arbeiten auch Kölner. Kaum also waren die Daten in Düsseldorf, wussten in Köln alle Betroffenen, dass sie auf der CD stehen. Der Schrecken war groß, Panik machte sich breit, über Köln lag ein Leichentuch.

Und jetzt kommt der zweite Teil der Geschichte. Just in dieser Woche waren wir eingeladen zur Prunksitzung einer kleinen Kölner Karnevalsgesellschaft. Wir freuten uns schon darauf, da kam ein Anruf: der Sitzungspräsident teilte mit, dass die Sitzung ausfällt. Auf meine entsetzte Frage nach dem Warum sagte er mir: „Du weiß jo, mir han do jo dat Problem mit der Liechtenstein-CD wo nur Kölsche drop ston. Die han all Kaate von uns bekumme, weiß jo, dat es jo die bessere Kölner Jesellschaft wat immer op lau in den ersten Reihen sitze, un die han all avjesaant. Weil: nee, mr könne uns nit sin losse, mir ston jo op dr CD! Un do kannse jo kei Sitzung maache, wenn do vürre nur leere Stöhl sin“. Na gut, dachte ich, Schicksal, wenn auch ein trauriges. Ganz Köln war ja in Trauer, keiner der Betroffenen ging aus dem Haus.
Acht Tage später rief er mich wieder an, Jubel in der Stimme, und sagte: „Künnt Ihr övvermorje kumme? Mr maache jetzt doch die Sitzung, weil: dä Wind hätt sich jedrieht. Sie kumme all!“

Was war geschehen? Die rheinische Überlebensfähigkeit hat sich der Sache angenommen. Nach den ersten zwei Wochen ‚Schrecksekunde‘ und Totstellreflex, hieß es jetzt plötzlich: „Wie?: Du stehst nicht auf der CD? Hatt Ehr nix an de Fööß?!!!“ Das ist Lebenskunst. Wer so denkt, kommt mit allem zurecht, natürlich auch mit so einer Finanzkrise.

Und bei Corona dasselbe: auch wenn es Ausrutscher gegeben hat bei der Maskenpflicht und der Corona-Disziplin – da gibt es ja die hübsche rheinische Redensart, wenn man höflich ausdrücken will, dass es keine perfekte Familie gibt: „Einer es immer dozwesche…!“ – alles in allem hat es gut geklappt und tut es ja noch. Manche hätten sich ja gewünscht, dass der Herr Laschet eine Prise Söder in sich hätte, aber letztlich sind wir alle recht zufrieden mit ihm, auch wenn er aus Aachen-Burtscheid stammt, denn wir haben ja noch einen riesigen Vorteil hier in NRW: wir haben ja den Ruhm, das Virus ins Land gebracht zu haben und das über den unbekanntesten Landstrich, den wir aufzuweisen haben: den Selfkant.


Kannten Sie vor Corona Gangelt? Hätten Sie gewusst, dass das ein Ort im Selfkant ist? Und jetzt kennt ihn die ganze Welt, naja, ganz Europa. Ich meine: ist das Werbung? Ist das PR? Aber vom Feinsten, oder?! Millionen werden in Zukunft nach Gangelt pilgern, um den Entstehungsherd der deutschen Corona-Epidemie anzugucken, Sie werden es sehen.

So haben in der Corona-Zeit Menschen sich von Balkon zu Balkon Bälle zugeworfen, schon mal e lecker Stückchen Kooche dabei, Musiker wie FM Willizil haben online musiziert („Nix em Büggel ewwer all jot drop!“, kannste klicken, ich hab auch mitgesungen, macht Spaß!) und und und.
Der Kölsche hat von Anfang an darauf geachtet, den Frust mit Spass zu mildern, so dass die Wirklichkeit nicht mehr ganz so weh tut. Das rheinische Grundgesetz entstand aus diesen grundlegenden Erkenntnissen:
• Et es wie’t es.
• Et kütt wie’t kütt.
Aber:
• Et hätt noch immer jot jejange!

Und da sind wir beim Grund all dieser Lebensweisheit: das ist die rheinische Zuversicht. Der Rheinländer weiß, dass es mit dem Tode nicht zu Ende ist. Er weiß, dass es weitergeht, wenn auch nicht, wo und wie und wohin. Aber das ist egal: Hauptsach‘ et jeiht wigger. Und das gibt ihm Kraft, alles, aber auch wirklich alles zu überleben.

Da kann ich nur den pensionierten Totengräber zitieren, der mir bei der Beerdigung der Mutter einer Freundin auf meine Frage, er habe ja seit über 40 Jahren Menschen beerdigt, was er denn nun vom Sterben hielte, sagte: „Och, dat mit dem Sterben, dat werd ich och noch überleben!“ Wer so denkt, dem kann nichts mehr passieren!

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