Die App-App oder: ich brauche eine App die mir sagt, welche Apps ich brauche

Konrad Beikircher zur Digitalisierung Kölns

Es haben ja viele Zeiten schon gedacht, dass sie die Welt neu erfunden haben. Im Grunde denkt jede Generation, sich neu erfinden zu müssen und glaubt, es erfolgreich getan zu haben. 

In Wirklichkeit ist das mit dem sich neu erfinden aber ein sehr seltenes Ereignis: als Diogenes in der Tonne lag und Alexander den Großen bat, ihm aus der Sonne zu gehen oder als Galileo Galilei nach dem vatikanischen Verhör vor sich hinmurmelte: „Und sie bewegt sich doch“ oder als Albert Einstein für Mayonnaise das geniale Rezept E = mc2(Ei = Maisöl mal Citrone zum Quadrat, versuchen Sie‘s, es ist himmlisch) erfand, waren das solche Momente. Und jetzt sind wir wieder in so einer Situation: die Welter findet sich neu. Tatsächlich. Ob das nun alles hinhaut, das ist eine andere Frage, aber: sie erfindet sich neu. Ob es uns passt oder nicht. Die Welt wird digital und es wird nicht lange dauern, bis es uns körperlich nicht mehr gibt, wir sind nur noch 0-1-0-1-0-1 …, und wir werden das auch noch ganz natürlich finden. Bis dahin aber, Herrschaften, müssen wir uns mit dem abfinden, was man später als die Kinderkrankheiten, die Masern des digitalen Zeitalters bezeichnen wird. Man könnte sich über das alles totlachen (vielleicht ist das der wirkliche Weltuntergang: wir lachen uns einfach tot un dat wor et dann!), wenn es nicht Wirklichkeit wäre. Erinnern Sie sich, wie es angefangen hat? Wie sind wir erschrocken, wenn auf der Straße hinter uns plötzlich einer „Hallo“ rief und wir uns umdrehten und sahen, dass er nicht uns meinte sondern „nur“ am telefonieren war. Wir haben nicht geahnt, dass das die ersten Regungen des digitalen Zeitalters waren.

Dann ging es Schlag auf Schlag: Handy überall, mp3 player, Menschen wachsen weiße Schnüre aus den Ohren, Leute mit riesigen Kopfhörern zucken wie in epileptischen Krämpfen im Auto, im Zug, in Museen, im Sauna Club, weil jeder seine persönliche Musik überall und ständig hören will, und wenn sie sich mit Dir unterhalten, halten sie eine der beiden Muscheln gerade mal einen Zentimeter vom Ohr und sagen „Hä?“ und aus. Und jetzt sind wir mitten im Gewusel: Alles läuft digital, jeder ist online. Einkaufen? Online.Steuererklärung? Online. Partnersuche? Online.Poppen? Online. Sex war ja sowieso der erste Artikel im Netz überhaupt. Autofahren? Online in Autos, die miteinander vernetzt sind und deshalb keine Unfälle mehr zulassen. Es sei denn, die Autos beschlössen, die lästigen Insassen loszuwerden und sie in einem gigantischen, weltweiten Crash zu bestatten. Und brauchen wir Ersatzteile, eine neue Kaffeemaschine, ein neues Haus oder ein Dessert: her mit dem 3-D-Drucker und dat Dingen wird gedruckt. Also: wir werden alle digitalisiert, Köln wird digitalisiert.

Hier aber stocke ich, denn: man kann das vielleicht mit vielen machen, mit den Kölschen aber kann man es nicht machen, die sind anders. In Köln gab es das alles immer schon, nur nannte man es anders: social network heißt hier Klüngel, „always on“ war der Kölsche immer schon, es langt ein Blick in seine Wirtschaften, Facebook, Instagram, Pinterest oder daWanda – dat heißt in Kölle „Mr kennt sich mr hilft sich“, schon seit Jahrhunderten und im Unterschied zu den digitalen Versionen funktioniert es auch! Und wo wir uns jetzt ja immer jeckere Apps gefallen lassen müssen – Apps sind allerdings bitter notwendig, weil die digitale Welt ja immer unübersichtlicher und komplizierter wird, dazu kommt die uns angeborene Angst vor allem Neuen und das Misstrauen, das es weckt, also da kommt schon einiges zusammen – ist es höchste Zeit, dem Ganzen ein paar kölsche Apps entgegenzusetzen, so da wären:

Die Avnippel-App. Du kannst sie beim nächsten Trend-Bestatter dir aufs Handy laden lassen und wenn es so weit ist: dropjedröck und du kriss der tagesgünstigste Sarganbieter aufs Handy.

Kölsch-App. Sie warnt Dich, falls Du aus Versehen mal vor dem falschen Glas sitzt oder in die falsche Wirtschaft geraten bist. Das Handy schlägt sofort Alarm und du kannst das Lokal verlassen. Die App registriert das und zeigt dir natürlich den Weg zum nächsten Kölsch und zwar ejal wo du bist, selbst falls es München oder die DomRep (wat ja Köln Süd es) sein sollte: Flugplan und Ticket werden ausgedruckt und du bist in Sicherheit.

Fastelovends-App. Sie ist für dich da, falls du im Karneval mal außer Gefecht sein solltest: gedrückt setzt sich das Handy selbsttätig das Mützchen auf und hustet dreimol „Kölle Alaaf“, natürlich im richtigen Moment.

Oder, für den Alltag wichtiger: die Wickel-App. Du fotografierst mit dem Handy das Baby und schließt es via Bluetooth mit den Pampers kurz. Wenn Du jetzt im Büro bist vibriert das Handy, wenn das Baby was in die Windel gemacht hat, also „öm“ ist. Jetzt die Wickel-App gedrückt,das Handy holt sich das Foto vom Baby und wickelt es digital, aber vom Feinsten. Besser geht wohl nicht, oder?!

Für Raucher auch fein: die Marlboro-App (gibts für andere Marken leider noch nicht): du brauchst nicht mehr selber zu rauchen, du drückst, wenn es dir danach ist, die App und dein Handy raucht in Echtzeit deine Marlboro, du kannst es auf dem Touch-Screen verfolgen. Verbrenn dir aber nicht die Finger, wenn du drauftippst.

Dann gibt es noch die Driss-App. Für Vielbeschäftigte. Es ist ja immer mal wieder so, dass man einfach keine Zeit hat, nohm Klo ze loofe. Kann man es nicht, sind medizinische Komplikationen die Folge: Verstopfung, Bauchschmerzen, Koliken, ja selbst Kotsteine sind nicht selten. Da hilft die Driss-App: dropjedrück und das Handy erledigt Dein Geschäft virtuell. Wunderbar. Eine Erlösung.

Genau so wie die Popp-App die ideale Entlastung für gestresste Business-Men ist. Immer dasselbe Gefühl: du bist für die Familie unterwegs, deine Frau aber liegt zu Hause im Bett und dreht Däumchen (eine hübsche Umschreibung, finden Sie nicht auch?!). Da hilft die Popp-App. Auf das Handy Deiner Schönen geladen erledigt sie alles für Dich (nur eines nicht vergessen: unter „Einstellungen“ und „Ton“ bei „lautlos“ auf „vibrieren“ stellen!): sie sieht Dich (Porträt, amerikanisch oder Ganzkörper) auf dem Display und auf deinem Handy hörst du sie schnurren, wenn sie die Popp-App gedrückt hat. Ist das geil? Na also!

Das alles sind kölsche Erfindungen und daran sehen Sie:keine Angst vor dem digitalen Zeitalter. Ejal wat kütt, es gibt für alles eine kölsche Lösung und falls uns Herrjott meint, Ding Zick wör jekumme: die Dom-App jedröck un du bes im Himmel!

Sie sehen: über die Zukunft lachen ist immer noch besser als Angst vor ihr zu haben. Also: Digitales Zeitalter? Kumme losse!

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