Die Magie der israelischen Start-up-Szene verstehen

Israel, speziell Tel Aviv, ist spätestens seit der Prägung des Begriffs ‘Startup Nation’ eines der Musterbeispiele für Start-up-Hotspots. Fast schon hat das ‘Silicon Wadi’ seinen großen Bruder, das Silicon Valley, in Sachen Innovationskraft und Prestige überholt. Die Israelis gelten als innovativ, risikofreudig und unternehmerisch – ideale Charakteristiken eines Gründers.
Und die Ergebnisse der letzten Jahre geben diesem Klischee recht: Viele entscheidende Entwicklungen entstanden in Israel. Vom Intel Prozessor bis zum ersten Chat-Dienst ICQ, von der für viele Weltgegenden wichtige Tröpfchenbewässerung bis zum hoch effektiven Raketenabwehrsystem ‘Iron Dome’ – Israel steht für technologische Innovation. Doch woran liegt es, dass ausgerechnet dieses kleine, ressourcenarme und permanent in Konfliktsituationen gebundene Land zu einem der Innovationsmotoren der westlichen Welt avanciert ist? Hierzu habe ich ein Gespräch mit Ori Hagai geführt – gebürtiger Israeli und Gründer.
„In Deutschland gehen Food Trucks oder eine neue Getränkesorte als Start-up durch, erhalten Förderung und Investments. In Israel hingegen“, sagt Ori Hagai, „wird eine Firma nur dann als Start-up angesehen, wenn sie eine technolo- gische Innovation auf den Markt bringt, die entweder völlig neu ist oder das Potential hat, tiefgreifende Veränderungen bestehender Produkte oder Prozesse zu bewirken.“ Ist das der Grund für die israelische Erfolgsgeschichte? Drei Einflussbereiche lassen sich umreißen: Das persönliche Umfeld eines Gründers, sein Netzwerk sowie die gesellschaftlichen und politischen Rahmenbedingungen. Ori Hagai, aufgewachsen in Tel Aviv, kam mit diesen Faktoren in Kontakt, bevor er als Ingenieur nach Deutschland kam und dann zusammen mit einer deutschen Mitgründerin in München sein Unternehmen Let’s Yalla gründete. Er sieht ein Ineinandergreifen der drei Bereiche als zentrales Spezifikum der Start-up Nation. „Auch in anderen Ländern gibt es gute Rahmenbedingungen für Gründer, wie etwa das EXIST-Stipendium in Deutschland. Und Netzwerke sind in allen Belangen von enormer Wichtigkeit. Trotzdem: Es ist die Mischung der drei Faktoren, die das Erfolgsrezept der israelischen Start-up-Szene ausmacht”.
Die geographische Lage Israels zeigt, dass es einen aktiven Handel mit Nachbarländern, der beispielsweise für die deutsche Ökonomie so wichtig ist, nicht gibt. Israel ist regional isoliert, und das bedeutet: nur auf sich selbst ist wirklich Verlass. Weiterhin prägt der Mangel an natürlichen Ressourcen das Land; so wird die Ressource Mensch ein noch wichtigerer Faktor. Das Land ist ein „melting pot“. Seit mehr als einem Jahrhundert kommen immer wieder Einwanderer aus allen Teilen der Welt nach Tel Aviv. Sie bringen ihre eigenen Denk- und Handlungsweisen, Prägungen und Traditionen mit. So entstehen fast automatisch multi-nationale Gründerteams, die unterschiedliche Perspektiven und Lösungsansätze verkörpern. Hinzu kommt eine Kultur des Teilens: Israelis diskutieren gerne und viel. Jede neue Idee wird von Freunden und der Familie ausgiebig kommentiert, Verbesserungsvorschläge oder Meinungen werden auch ungefragt eingebracht. Dies bedeutet, dass eine Idee schon vielfach durchdacht ist, bevor sie überhaupt umgesetzt wird. Auch beim Unternehmenswachstum hilft diese Mentalität – Empfehlungsmarketing funktioniert in Israel mit seinen kommunikationsfreudigen Einwohnern hervorragend.
So entstehen auch landesweite MVPs: Innerhalb kürzester Zeit kann ein Produkt in einem lokal beschränkten, gut abgrenzbaren Gebiet getestet werden (Israel ist etwa so groß wie Hessen). Dies half beispielsweise dem weltweit bekannten Unternehmen Waze, einem Navigations-Start-up, das später für 1,15 Milliarden USD an Google verkauft wurde. Schließlich: Israel glaubt an seine Gründer. Wer seine Idee zu einer Technologie-Innovation überzeugend darlegen kann, erhält Zuschüsse zu Research & Design-Kosten von bis zu 90%. Diese finanzielle Unterstützung ermöglicht eine schnelle Umsetzung erfolgversprechender Ideen und Gleichheit unter Gründern – ganz unabhängig von sozialer Herkunft und Bildungshintergrund. Neben diesen Rahmenbedingungen ist ein Punkt ganz wichtig: Netzwerke. Gründer wissen um deren Bedeutung, gerade in der Gründungsphase. Zum einen wäre da das viel bemühte Friends & Family-Netzwerk. Während man sich in Deutschland gezielt um Kontakte in der Start-up- Szene bemühen muss, ist es in Israel sehr wahrscheinlich, einen (ehemaligen) Gründer im Bekannten- oder Verwandtenkreis zu haben. So findet sich leicht Unterstützung für Themen wie bürokratische Hürden, Formalien und Verträge. Erfahrene Experten gibt es im engsten Umfeld, und man hilft sich gerne. Das spart Zeit und Energie, der Gründer kann sich auf die Umsetzung seiner Idee fokussieren.
Und konzeptuelle Hilfe? Hagai erzählt: „Mein Physikprofessor war derjenige, der Kamera und Telefon kombiniert und so die Smartphone-Kamera erfunden hat. Wir haben dies erst am Semesterende durch Zufall herausgefunden. Und dann gab es da die Tante eines Freundes, die einen erfolgreichen Exit hinter sich hatte. Sie hat mir mit ein paar Anrufen viele Türen geöffnet, so dass ich noch vor der Gründung von Let’s Yalla mit CEOs der Reisebranche sprechen konnte.” Private und berufliche Kreise verschwimmen, Hierarchien sind flach und durchlässig. „Meetings mit CEOs dauern evtl. nur 10 Minuten oder erfordern ein kurzes Telefonat. Aber selbst solch kurzer Austausch zeigt, ob die Idee etwas taugt“, weiß Hagai. Und doch: Es liegt auch an der Gründerperson. In Israel lernt man schon in der Jugend, was einen erfolgreichen Gründer ausmacht. Schon in der Schule wird aktuelles Know how vermittelt: Grundschüler lernen anhand von Computerspielen wie „Code Monkey“ bereits die Grundzüge des Programmierens kennen. Robotik und ein starker Fokus auf die Naturwissenschaften gehören an israelischen High Schools ebenso dazu wie Kurse im Coding. So entsteht früh ein technologisches und konzeptionelles Grundverständnis. Hagai: „Wenn ich Dich fragen würde: was ist eine Farbe – könntest Du mir eine Definition geben?“ Wahrscheinlich nicht, und trotzdem weißt Du natürlich, was eine Farben ist. Genau so sind für uns Start-ups: Eine Definition lernt hier niemand. Aber über das Konzept ‚Start-up‘ sind wir uns trotzdem einig. Nach der Schulzeit beginnt für alle Israelis die Zeit in der Armee. Wer möchte, kann sich zum Offizier ausbilden lassen. Diese Ausbildung verlängert den Militärdienst um ein Jahr, ist aber in Israel hoch angesehen und immer ein Pluspunkt im Lebenslauf. Hagai benennt aus seiner ganz persönlichen Perspektive drei Eigenschaften, die in der Militärzeit ausgeprägt werden: Improvisationskraft, eine Ablehnung der Idee des Unmöglichen sowie Selbstbewusstsein. „Während der Grundausbildung waren wir einen Tag in der Wüste. Am Morgen zeigte unser Kommandeur auf eine Düne hinter sich und befahl uns, diese Düne ein paar Meter weiter nach rechts zu verlegen.
Am Anfang lachten wir noch – aber dann war klar, er meint es ernst! Wir haben also angefangen, Sand zu schaufeln. Abends waren wir zwar noch lange nicht fertig, aber wir haben gesehen: Es wäre möglich. Man kann eine Düne verlagern.“ Seitdem ist Hagai überzeugt: Mit dem richtigen Werkzeug, genügend Kraft und Willensstärke und mit einer guten Strategie kann man alles schaffen. Und positive Erlebnisse erzeugen Selbstbewusstsein. Improvisationskraft? „In der Militärzeit gibt es immer wieder Situationen, in denen man mit teilweise sehr beschränkten Mitteln kreative Lösungen entwickeln muss.“ Nicht nur der Charakter wird durch die Militärzeit geprägt, auch das Handeln in festen Strukturen: Hierarchien sind, wie in jeder anderen Armee, überlebensnotwendig. Aber man hört Untergebenen zu. Führung bedeutet vor allem Verantwortung, wie Hagai als Offizier durch seine ihm untergebenen Soldaten erfuhr.
Die Zeit in der Armee hat ihn entscheidend geprägt: „Teamarbeit wurde trivial, Improvisieren die Kunst des täglichen Lebens. Risiken haben wir jeden Tag kalkuliert und auf uns genommen. Informalität im Umgang mit Untergebenen oder Übergeordneten macht viele Dinge überhaupt erst möglich.“ Risk Taker, (Responsible) Leader, Team-Work, Improvising – wer verbindet mit diesen Worten nicht nötige Fähigkeiten und Charaktereigenschaften eines Unternehmers? Nach der Schul- und Armeezeit begeben sich viele junge Israelis erst einmal auf eine lange Reise. Wie sehr dies kulturelle Kompetenzen, Selbstbewusstsein und Kommunikationsfähigkeiten prägt, ist sicher jedem bewusst, der gerne reist. Und danach steht das Studium an, welches oftmals einen „offiziellen“, institutionalisierten Kontakt zu Start-ups ermöglicht. Hier kommen zukünftige Gründer mit der Szene in engem Kontakt; können dabei auf früheren Erfahrungen aufbauen. So schließt sich ein Kreis: Junge Individuen, durch ihre Erfahrungen und Prägungen bereits auf ein Leben als Entrepreneur vorbereitet, treffen in einer von staatlicher und institutioneller Seite geförderter Rahmenstruktur aufeinander und entwickeln, unterstützt von privaten und professionellen Netzwerken, neue Business-Ideen und Technologien. „Natürlich hängt vieles von persönlichen Erfahrungen und Zielen ab“, so Hagai. „Nicht jeder wird Unternehmer. Aber diese einzigartige Mischung aus Alltag und Erfahrungen hilft, die Magie der israelischen Start-up-Szene zu verstehen.“

Drucken Drucken