Die Rettung aus dem Rechtsrheinischen

Nochens für den RheinZeiger – von Konrad Beikircher

Aus Anlass des 20. Geburtstags des RTZ in Kalk halt: zwei Genitive in einem Text über Köln, das geht nicht! Also: Aus Anlass vom 20. Geburtstag vom RTZ in Köln-Kalk muss ich mal ein paar Worte zum Rechtsrheinischen sagen. Das Rechtsrheinische ist ja in Köln nicht wirklich bekannt für innovative Ideen. Man zieht sich Pullover an, wenn man über den Rhein nach Sibirien fährt und den Bergischen Dialekt hält man für Kölsch in Wollsocken. Dennoch aber hat es mindestens drei Stationen in der Geschichte gegeben, mit denen das Rechtsrheinische auftrumpfen  kann. Das sind zum einen die Heinzelmännchen, zum anderen das RTZ und zum Dritten Jacques Offenbach.

Hier das neueste Forschungsergebnis der Historiker zu einer Legende, wie sie kölscher nicht mehr sein kann: Die Heinzelmännchen Legende. Wir alle kennen die Geschichte:

„Wie war zu Köln es doch vordem mit Heinzelmännchen so bequem“

Einer der bekanntesten Knittelverse im Deutschen überhaupt und die Bilder der kleinen Gnome mit der Zipfelmütze. Ein wundervolles Bild urdeutscher Gemütlichkeit: während der geplagte Handwerker behaglich im Bette schnarcht, erledigen die Heinzelmännchen seine Arbeit. Und natürlich ist uns allen klar, dass das ein Märchen ist, ein schönes, aber ein Märchen. Nicht so der Historiker Harry Böseke. Sein Fachgebiet ist das Bergische Land und genau daher kommt auch sein überraschendes Forschungsergebnis: die Heinzelmännchen hat es wirklich gegeben und das war so: überall im Bergischen gab es Erzbergwerke. In Much, in Engelskirchen, in Windeck, in Lüderich und wer weiß wo noch. Bergwerk war im Mittelalter ein lukratives aber lebensgefährliches Berufsfeld. Nicht zuletzt wegen der Enge der Schächte, die oft nur kniend bearbeitet werden konnten. Dazu kam, dass sich in den Schächten Wasser ansammelte, das ständig entsorgt werden musste. Da man noch keine Pumpen kannte, war das die richtige Arbeit für Kinder oder Kleinwüchsige: sie bekamen jeder zwei Ledereimer, damit krochen sie in den Schacht, füllten die Eimer mit Wasser und brachten diese nach oben. Eine extrem wichtige Tätigkeit, denn ohne diese Entwässerung war Erzabbau nicht möglich. Entsprechend gut war die Bezahlung, Kinderarbeit war damals ohnehin noch nicht in Acht und Bann, also waren alle zufrieden (außer den Kindern, nehme ich an). Diese Kinder und kleinen Männer, die das Wasser schleppten, nannte man Heinze-Menschen, sie heinzten, also schleppten, den ganzen Tag. Sie trugen Ledermützen, die bis auf den Rücken reichten, um sich in der Enge gegen Steinschlag und Risswunden zu schützen.

Gegen 1500 erfand man im Silberbergwerk Schwaz eine neue Methode der Entwässerung: man legte enge Holzröhren bis unter den jeweils aktuellen Wasserspiegel, füllte Lederbälle mit Stroh und zog nun diese Bälle oder Kugeln an Ketten von unten durch die Röhren nach oben. Da die Bälle die Röhren relativ stramm ausfüllten nahmen sie beim Transport nach oben jede Menge Wasser mit, ein primitives Pumpensystem war erfunden. In Schwaz, was zu der Zeit das europäische High-Tech-Bergwerk war, erledigte diese Arbeit ein riesiges wasserbetriebenes Rad (man pumpte also zum Zwecke der Entwässerung Wasser ins Bergwerk um dieses Fördersystem anzutreiben, was ja schon eine weitsichtige Technologie ist), man brauchte also keine Heinze-Menschen mehr, die Heinzen-Kunst hatte ihren Höhepunkt erreicht. War diese Erfindung ein Segen für den Bergbau – man konnte billiger und schneller Erz abbauen – so war sie andererseits das berufliche Aus für die Kinder, die damit ihr Geld verdienten. Sie suchten für sich und ihre Familien neue Arbeitsfelder und fanden sie – zumindest ein, zwei Generationen lang, bis neue Wege gefunden waren – in der Großstadt. Sie kamen als Fremdarbeiter nach Köln, die Kinder aus dem Bergischen. Und weil sie es eh gewohnt waren, im Dunkeln zu sein, lebten sie auch in der Stadt unter Tage: in den Schächten, Gängen und Kellern Kölns. Und von dort aus erledigten sie im wahrsten Sinne des Wortes als Schwarzarbeiter das, was gerade anfiel. Die Handwerker und Kaufleute waren zufrieden, man hat ja immer schon gerne das Geld an der Steuer vorbeigetragen. Wie lange das so funktioniert hat, weiß keiner. Eine großartige Leistung zum Segen Kölns.
Über Jacques Offenbach, dessen Eltern in Deutz Fuß gefasst haben bevor sie – nun endgültig Kölsche geworden – zum Griechenmarkt übersiedelten, muss man nicht extra reden. Er hat den Ruhm Kölns in alle Welt getragen und feiert gerade seinen 200sten Geburtstag. Und 1999 kam das RTZ nach Kalk: ein Ideenzentrum für Gründer. Der Satz „Wir können Startup“ ist nirgends glaubwürdiger zuhause als im Rechtsrheinischen, denn dort weiß man seit gut 2000 Jahren, wie überleben geht, denn seit 2000 Jahren wird das Rechtsrheinische als lebensunfähig diskriminiert und als Raum, in dem man als Linksrheinischer nicht leben kann

Das RTZ beweist: das ist Blödsinn, die Rechtsrheinischen wissen, wie es geht. Und geben das seit 20 Jahren weiter. Mit Erfolg. Geballte rechtsrheinische Intelligenz, deren Ausläufer bis ins Sauerland reichen, haben sich zum Wohle des gesamten Rheinlands zusammengetan und haben ohne Ressentiments auch den Linksrheinischen bei den ersten selbständigen Laufversuchen unter die Arme gegriffen. Auch um so zu beweisen, dass im Rechtsrheinischen hohes Potential liegt. So, das musste den Linksrheinischen unbedingt mal gesagt werden!.

 

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