„Gründen Sie besser nicht.“

Start-ups und Nachhaltigkeit

Wenn du eine Firma gründest, suchst du vor allem zwei Dinge: Geld und Zuspruch. Natürlich musst du leben, deine Miete bezahlen und hast möglicherweise auch schon erste Mitarbeiter/ innen auf der Payroll. Und du musst erstmal Aufträge akquirieren und umsetzen, dann erst kannst du die erste Rechnung stellen. Ich kann nur raten, diese Anfangsschwäche nicht zu unterschätzen. Je nach Lage der Dinge ist es besser, ein paar zehntausend Euro verfügbar zu haben, als nur ein paar tausend. Aber, woher nehmen?

Stell dir vor, ein gewisser Mark Zuckerberg wäre mit seiner Idee, ein Freundesnetzwerk namens „Gesichtsbuch“ im Internet zu gründen, zur Wirtschaftsförderung Köln gekommen und hätte um Unterstützung gebeten. Oder er wäre zur Sparkasse Köln/Bonn und zur Volksbank gepilgert und hätte einen Existenzgründungskredit beantragt. Treibt die Vorstellung dir auch ein Schmunzeln ins Gesicht? Man kann geteilter Meinung darüber sein, ob die Welt dann ärmer wäre, klar. Aber darum geht es mir nicht. In Deutschland gründet man am besten eine Firma, die etwas herstellt: ein Produkt, das man anfassen kann, eine Maschine. Möglichst tut man das auch in einem Thema, einer Branche, die auch Banker kennen. Zumindest schafft man Maschinen an. Dann stellt zumindest das Firmenvermögen einen Wertdar. IT, das hat sich inzwischen rumgesprochen, das kann gehen. Wenn aber Menschen mit verrückten Ideen für ebenso verrückte Dienstleistungen eine Firma gründen wollen, dann wird es schwierig.

Berater mit Sorgenfalten 

Ich gründete vor knapp fünf Jahren tippingpoints – die Agentur für nachhaltige Kommunikation. Da war ich schon 50 Jahre alt, also nicht mehr der klassische Turnschuh- Start-up-Gründer. Ich hatte bereits 15 Jahre als Journalist, Verlagsgeschäftsführer, Autor, Moderator und als Erfinder und Umsetzer politischer Kampagnen gearbeitet. Meine Idee war und ist: Kommunikation für eine bessere Welt zu machen. Klimawandel, eine nachhaltige Mobilität, das Ausweiten regenerativer Energien, die Veränderung unserer Ernährung, unseres gesamten verschwenderischen Lebensstils, brauchen nach meiner Überzeugung nicht nur fachliche Information, sondern kluge Kommunikation. Mit der nötigen Leichtigkeit und einem humorvollen Augenzwinkern – und unbedingt auch emotionalen Schubsern, den sogenannten Nudges. Die Veränderung unserer Wirtschaftsweise und unseres politischen Denkens und Handelns braucht gut gemachte, motivierende Kommunikation. Fachleute, die das PR und Werbehandwerk verstehen, die aber auch inhaltlich und politisch wissen, was sie tun. Aber die Idee, eine Agentur mit begrenztem Tätigkeitsfeld zu gründen, ja sogar in der Anfangsphase ideelle Kriterien bei der Auswahl der Kundschaft anzulegen, das trieb den Beratern doch arge Sorgenfalten auf die Stirn. „Agentur“, das klingt eh schon etwas halbseiden. Die stellen ja nichts her, nur diesen bunten kreativen Werbekram. „Und wo wollen Sie jetzt genau Aufträge herkriegen?“, war eine ganz typische Frage.

Meine 15 Jahre Erfahrung im nachhaltigen Kommunikations-Business zählten nichts, sobald ich vor einem Banker stand. Jetzt suchte ich also neue Räume, brauchte einen Kfw-Gründungskredit oder von irgendwo anders her ein paar zehntausend Euro, um schlicht zwei, drei Mitarbeiter/innen für die ersten drei Monate bezahlen zu können. Die Berater bei der Wirtschaftsförderung Bonn waren nett und freundlich, aber sie konnten mir nicht wirklich helfen. Einen Gründungspark, ein Co-Working-Space oder einfach ein halbwegs vorzeigbares Gebäude, das man für überschaubare Miete hätte beziehen können, das gab es im Jahr 2012 in Bonn noch nicht. Geschweige denn ein kommunikationsorientiertes Nachhaltigkeitscluster für Unternehmensgründungen. Das klang für die UN-Stadt, die doch Umwelt- und Entwicklungsstandort sein will, doch sehr abwegig.

Gründen ist sehr, sehr gefährlich! Verbindungen zu den ortsansässigen Banken, die eine begehbare Brücke für die sehr schwierige Finanzakquise der ersten Monate gebaut hätte, gab es bei der Stadt auch nicht. Aber es gab ein DINA4-Blatt, das ich heute leider nicht mehr finde. Aber sinngemäß stand darüber: 10 wichtige Punkte für Gründer. Unter anderem wurde da nochmal der sehr genau aufgestellte Businessplan erwähnt, und ganz wichtig: ‚Haben Sie mit ihrer Familie darüber gesprochen?

Sie werden als Gründer wahrscheinlich sehr viel arbeiten und ihre Familie wird sie kaum noch sehen.‘ Das ganze Dokument war eine einzige rot leuchtende Warnung:‚Tun Sie‘s nicht. Gründen ist sehr, sehr gefährlich.

Für den Gründungskredit fragte ich zunächst bei der Hausbank meines Verlages an, die auch meine private Bank war, die Sparda-Bank. Die sehr korrekt gekleideten Mitarbeiter/innen,das schaffen Banker immer sehr gut, machten mirdeutlich, dass die Sparda-Bank Geschäftskunden eigentlich gar nicht mehr will. Mit meinem Verlag wurde ich nur aufgrund der Geschichte geduldet. Daraufhin fragte ich bei der ökologisch-ideell ausgerichteten GLS-Bank in Bochum an. Es hob das übliche Verfahren an, mit minutiös durchdachten Plänen für die nächsten drei Jahre. Enervierend detailversessene Nachfragen, warum ich denn glaubte, in drei Jahren 500.000 Euro Umsatz machen zu können. Ich möge doch nochmal genau aufschreiben, wer meine Kunden sein sollten. Und, das fand ich mit am entwürdigsten Ich musste immer wieder nachfragen bei meinem Bank- Berater, er lies jeden verabredeten Termin verstreichen.

Und sie dreht sich doch … Um die Geschichte hiermit abzukürzen: Ich habe schließlich

30.000 Euro Gründungskredit von der Bonner Sparkasse bekommen. Dort geriet ich an eine sehr zupackende Beraterin, die mir mit Nachdruck, Humor und gewissem Vertrauen in meine Person einen Sparkassenkredit zu KfWKonditionen verschaffte. Hier hatte ich nach einigen schwierigen Wochen immerhin das Gefühl von Dialog auf Augenhöhe. Die positive Nachricht ist: Wir haben es geschafft. tippingpoints ist nach fast fünf Jahren stabil aufgestellt und hat sich bereits einen gewissen Ruf der Einzigartigkeit erarbeitet.

Meine Prognosen bezüglich meiner Geschäftsentwicklung erwiesen sich allerdings als ziemlich falsch. tippingpoints beschäftigt inzwischen 15 Mitarbeiter/innen in Bonn und Berlin und machte in 2016 rund 1,6 Millionen Euro Umsatz, im Jahr davor waren es noch 900.000. Meine Schätzungen in den Business-Plänen waren deutlich konservativer. Vielleicht war genau das mein Problem.

 

Michael Adler Gründer und  Geschäftsführer future_lab_Fellbach „Automobilität der Zukunft“

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