Gründerökosysteme

Ein Gründerökosystem kann als Netzwerk von Institutionen und Akteuren verstanden werden, bei
dem Gründer und Unternehmer im Zentrum der Betrachtung stehen. Es handelt sich hierbei um
ein relativ junges Konzept, das insbesondere durch die Veröffentlichungen von Daniel Isenberg
(„How to start an Entrepreneurial Revolution) und Brad Feld („Startup Communities – Building an
Entrepreneurial Ecosystem in Your City“) geprägt wurde. Demnach beleben regionale Ökosysteme
die Gründungsaktivitäten und stärken gleichzeitig den Erfolg junger Unternehmen am Markt
(vgl. Funke und Zehrfeld 2013).

Der vorliegende Artikel bietet einen kurzen Einblick in das Phänomen Gründerökosystem und erläutert wesentliche Entwicklungsfaktoren. Abbildung 1 zeigt auf, durch welche Elemente, Institutionen und Akteure ein Gründerökosystem gekennzeichnet ist und verdeutlicht dabei wichtige Interaktionsmuster.

Ausgangsbedingungen
Die Entstehung erfolgreicher Gründerökosysteme ist ein langfristiger Prozess und basiert auf dem Zusammenwirken einer Vielzahl von Faktoren mit den beteiligten Akteuren. Hierzu gehören insbesondere die Gründer und Unternehmer selbst, aber auch institutionelle Rahmenbedingungen sowie geographische Gegebenheiten und Standortfaktoren einer Region. Die einzelne Betrachtung von Faktoren oder Elementen
ist ein wichtiger Schritt um Gründerökosysteme zu begreifen, erfasst jedoch nicht den Kern des Konzepts.
Wesentlich ist das Zusammenspiel von Talenten, Investoren, Unternehmen und ambitionierten Gründerpersonen, die über Netzwerke in regem Austausch stehen (vgl. West und Bramford 2005).

Als Ausgangspunkt für die Entwicklung regionaler Ökosysteme gilt die aktive Präsenz von mehreren Gründern und Unternehmern, die sich in räumlicher Nähe zueinander befinden. Man spricht auch von einer „Gründerszene“. In diesem Zusammenhang wird häufig der Begriff der „kritischen Masse“ verwendet. Eine wissenschaftlich fundierte Größe hierzu gibt es nicht. In einer Reihe von Fallbeispielen wird von mehreren Dutzend Gründungen und Start-ups gesprochen, die sich an einem Ort, in einem Stadtviertel oder Quartier ansiedeln. Diese Gründerszene ist die entscheidende Schnittstelle im Ökosystem. Denn sie schafft die relevanten Netzwerke in die Wirtschaft und Politik sowie zu den relevanten Bildungseinrichtungen. Dies kann
jedoch nur dann gelingen, wenn von unternehmerischer und institutioneller Seite eine Offenheit – besser noch: ein langfristiges Commitment – gegenüber Gründungen und Start-ups besteht. Erfolgreiche Gründer, die als Promotoren Netzwerke entwickeln, als Investoren Kapital bereitstellen und als Rollenmodelle in der Öffentlichkeit auftreten, wirken sich positiv aus. Denn Erfolgsgeschichten sprechen sich herum und führen langfristig zur Nachahmung und somit zu mehr Gründungen. Hieraus entsteht ein sich selbst verstärkender Entwicklungskreislauf. In der Praxis erfolgt die Gründung am häufigsten dort, wo sich der Lebensmittelpunkt befindet und persönliche Beziehungen und Netzwerke genutzt werden können (vgl. Wallisch und Funke 2016).

Der Talentpool und die Marktorientierung bestimmen die Entwicklungsdynamik
Der Talentpool regionaler Gründerökosysteme wird sowohl durch ansässige Bildungseinrichtungen als auch durch etablierte Unternehmen geprägt. Universitäten nehmen in diesem Kontext aufgrund ihrer institutionellen Förderung und als Attraktionsfaktor eine Sonderstellung ein. Gründerökosysteme benötigen außerdem starke Ankerunternehmen. Diese agieren ebenfalls als Magnet für Talente und hochqualifizierte Mitarbeiter. Durch regelmäßige Weiterbildungs- und Fortbildungsmaßnahmen werden technologische
Kompetenzen und Managementfähigkeiten aufgenommen, vermittelt und weiterentwickelt. Man spricht in
diesem Zusammenhang von „Absorptiver Kapazität“. Mehr als die Hälfte der Gründer in Deutschland hat im Vorfeld bereits Berufserfahrung gesammelt und startet aus einem bestehenden Beschäftigungsverhältnis in die Selbstständigkeit. Der Anteil von Gründungen direkt aus Hochschulen und Universitäten ist deutlich geringer und liegt zwischen 10 und 15 Prozent.

Regionale Gründerökosysteme sind jeweils durch eine spezifische Marktorientierung gekennzeichnet. Diese resultiert aus der Struktur der End- und Geschäftskunden. Bei Startups, die eine digitale Dienstleistung anbieten (Plattformen, Apps, Spiele usw.), spielt die regionale Komponente des Marktes eine kleinere Rolle. Bei physischen Produkten, wie Lebensmitteln oder standortgebundenen Dienstleistungen, haben die lokalen Marktstrukturen einen größeren Einfluss auf die Entwicklung des Gründerökosystems. Eine Ballung von Unternehmen und Organisationen aus einer Branche erleichtert für Gründer und Start-ups den Marktzugang
und ermöglicht den Zugriff auf spezialisiertes Know-how. Man spricht häufig auch von „Branchenclustern“,
die für eine Region typisch sind. Nahezu zwei Drittel aller Gründungen haben einen regionalen Marktfokus (vgl. KfW. Gründungsmonitor 2017). Unterstützung von Gründungsaktivitäten – wesentliche Fragestellungen Der Ansatz regionaler Gründerökosysteme wird zunehmend angewendet, um Gründungsaktivitäten ganzheitlich zu unterstützen.

Folgende Fragen stehen dabei häufig im Fokus:
· Wie sind die Ausgangsbedingungen in meiner Region im Hinblick auf die Gestaltung von   Gründerökosystemen?
· Welche Rolle und Position übernimmt meine Organisation im Rahmen der Gründungsförderung?
· Welche Förderprogramme gibt es und wo besteht noch Handlungsbedarf?
· Wie können Unterstützungsmaßnahmen effektiver gestaltet werden?
· Mit welchen weiteren Akteuren bieten sich Kooperationspotenziale?

Unsere Erfahrungen zeigen, dass die Beantwortung dieser Fragen am besten möglich ist, wenn die regionalen Akteure gemeinsam im Rahmen von persönlichen Treffen und interaktiven Workshops Ideen und Lösungen erarbeiten. Das vom RKW Kompetenzzentrum erarbeitete Modell und das Canvas bieten hierfür eine strukturierte Vorgehensweise, pauschale Antworten liefert es jedoch nicht. Denn die individuellen Voraussetzungen in den Regionen sind in der Regel zu unterschiedlich für die
Anwendung einheitlicher Patentrezepte.

Dr. Matthias Wallisch
wallisch@rkw.de
www.rkwkompetenzzentrum.
de

Abbildung 1: Das RKW-Modell „Gründerökosystem“
© www.gruenderoekosystem.de
Weiterführende Informationen finden Sie unter www.gründerökosystem.de.
Hier stehen auch das Modell und das Canvas als Download zur Verfügung.

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