Nachhaltigkeit – wat ist dat denn schon wieder?

Konrad Beikircher

Wenn wir über ‚Nachhaltigkeit’ reden, müssen wir uns darüber klar sein, dass das einer der Begriffe ist, der nicht gerade zu den bestdefiniertesten (das ist nicht falsches Deutsch, das ist rheinischer Superlativ!) der Welt gehört so wie etwa „rechter Winkel“ (obwohl auch der im Rheinland nicht etwa 90° sondern irgendwas zwischen 30° und 120° hat, weil: et muss ja passen!) oder „Arbeiterrückfahrkarte“. Also: keiner weiß so wirklich genau, was Nachhaltigkeit bedeutet, das aber, Herrschaften, ist einer der großen Vorteile dieses Begriffs.

Denn wirklich sich die Köpfe wundreden kann man nur dann, wenn es keine klaren Definitionen gibt. ‚Flüchtling’ ist so ein Begriff, der auch deshalb bis aufs Blut umstritten ist, weil keiner mehr unterscheiden kann zwischen Flüchtling, Einwanderer, Auswanderer, Reisender mit längerfristigem Aufenthaltsabsichten,Zuagroaster, Immi, Noigschmeckter, Asylant, Asylsuchender, Durchreisender, Durchgereichter, Staatsbürgerschaftsaspirant, Deutscher mit Migrationshintergrund etc etc. Also: was heißt ‚Nachhaltigkeit’ und ist das wichtig für unsere Zukunft?

Wobei: Zukunft. Da hammer’t ja, dat Thema Nachhaltigkeit. Alles muss ja so nachhaltig wie möglich sein, für die Zukunft und övverhaupts, nur wie jesagt,: wat is dat überhaupt – Nachhaltigkeit? Stellen wir uns mal janz dumm und nehmen ein Beispiel: Besteck wäre da so ein Fall. Jahrtausende lang haben wir mit den Fingern gegessen und alle waren zufrieden: Wurzeln, Mango, Schachtelhalme, Mammutäpfel (das war dir ja vielleicht lecker: getrocknete Mammutäpfel, die ja quasi nur Farn und Lauch gefressen haben, leicht mit Birkenrinde eingerieben, dann einen Tag lang in Entengrütze mariniert, mit Lammspucke fermentiert und drei Tage lang im Rhabarberblatt in die Achselhöhle geklemmt, das war quasi garen bei Niedrigtemperatur – Wahnsinn!), Schnecken, alles wurde in den Höhlen im Kreis rumgereicht und mit den Fingern gegessen. Auch der Römer hat mit den Fingern gegessen, am liebsten fette Kapaunenleber, weil man die so schön von den Fingern zuzeln kann. Und dann auf die Weiber! Gut, die Frauen waren nicht so glücklich, wenn die Männer mit fettigen Fingern zum Dessert an ihnen herumgrabschten, andererseits: lieber mit den Fingern als mit Messer und Gabel, oder?! Jot, also alles war glücklich. Dann kamen die Chinesen und fingen mit den Stäbchen an, wer auf diese bekloppte Idee gekommen ist, weiß auch keiner mehr, wahrscheinlich hat irgendein Mongole irgendeiner Turandot die hölzernen Haarnadeln herausgezogen (deshalb sagt man ja: ja früher, als alles noch aus Holz war …!), weil er auf offenes Haar steht, díe sind ihm in den WOK gefallen, beim Herausfischen ist ein Stück Fleisch dran geblieben und dat wor et dann, wer weiß. Das hat sich natürlich durchgesetzt, jeder wollte jetzt mit Stäbchen essen, der Fortschritt war unaufhaltbar.

Dann kam Marco Polo, sieht die Stäbchen, kommt aber damit nicht klar und denkt sich: zwei Stäbchen, jot, wie wör et dann mit drei und zwar kleiner und oben festgemacht. So erfand er die Gabel. Die Gabel aus Holz war allerdings gewöhnungsbedürftig, dauernd sind die Zinken abgebrochen, man nahm sie lieber als Kamm als zum Essen. Da hatte man ja den Löffel, zu Luthers Zeiten hatte jeder einen im Hut stecken und jeder hatte damals schon sein Schweizer Messer dabei. Das ging ein paar Jahrhunderte lang gut bis die Mäckes- Kultur kam. Die Kids, die schon zu Hause nicht mit Messer und Gabel umgehen konnten („Ey Alter, willstu mit Gabel? Ich esse mit Hände. Nein, nicht Hän-de, Han-dy! Zwei Handies und dazwischen Döner, super! Kannstu sprechen und wirst satt!“) haben jetzt de Finger entdeckt und damit für die Nachhaltigkeit einer der ersten Erfindungen der Ur-Menschheit gesorgt: Essen mit Fingern. Zwar haben die Gourmets da den Boden bereitet: ich sage nur: Fingerfood, alte Lepraweisheit: nie am Ringfinger knabbern, da beißt du dir die Plomben aus!, aber das ist alles Geschichte. Ein Blick in die Burger-Tempel genügt: du gehst rein, holst dir deinen Burger, dann zweimal Mayo und zweimal Ketchup auf das Tablett geklatscht und mit den Fingern alles da durchziehen: Fritten, Burger, Zwiebelringe und Chicorée-Geschnetzeltes. Je nachdem wie aggressiv- sauer der Ketchup ist, kannst du dann auch noch das Tablett weglutschen!

Da, liebe Freunde, ist es nur noch ein kleiner Schritt zur totalen Nachhaltigkeit: dem Second-Hand-Essen auf recyceltem Pappteller, den man natürlich am Ende auch mitessen kann. Die Magensäure packt das schon!

Von da geht’s dann in den Papp-Sarg, recycelt aus nichtcremierbaren Resten von Opa und Oma und fertig ist die Laube: das alles mit einem Becher macao, dem Bio-Red- Bull, aufgepeppt und schon ist der Tod das geilste Event, das man sich vorstellen kann. Was ist da schon ein Kölsch in der „Letzten Träne“ bei der Nachfeier?

Ich sag es ja: die Leute, die an die Wiedergeburt geglaubt haben, hatten immer schon Recht: ich war ein Wurm, werde ein Wurm und will ein Wurm sein! Das ist Nachhaltigkeit zur dritten Potenz! Gegen so viel Nachhaltigkeit haben noch nicht mal wir vom „normalen Glauben“ was entgegenzusetzen. Ob das jetzt Nachhaltigkeit heißt, Fegefeuer oder der Himmel auf Erden: ejal, passt schon! Irjendswie! Da enden, wo man angefangen hat: dat is recycling im wahrsten Sinne des Wortes, das Leben als Kreisverkehr – das ist Nachhaltigkeit!

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