Artikel aus RheinZeiger - Ausgabe 35

 

Das große Thema des Wissenschaftsjahres 2020

 

Wissenschaftsjahr 2020 ist der Bioökonomie gewidmet. „Wem?“, fragen da sicher nicht wenige. Der Begriff „Bioöko-nomie“ ist nämlich in der Bevölkerung noch kaum bekannt bzw. es ist nicht wirklich klar, was damit gemeint ist. Das soll das Wissenschaftsjahr nun ändern.  

 

Die so genannte wissensbasierte Bioökonomie (Knowledge- Based BioEconomy, KBBE), um die es hier im Kern geht, ist rund 13 Jahre alt. Sie wird definiert als „Umwandlung von Wissen aus den Biowissenschaften in neue, nachhaltige, ökoeffiziente und wettbewerbsfähige Produkte“. Renommierte Experten aus Wissenschaft und Industrie formulierten im „Cologne Paper“ 2007 Perspektiven einer KBBE in den nächsten 20 Jahren. In Deutschland ging die erste Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie des Bundesforschungsministeriums 2010 an den Start. Schon 2009 wurde der erste Bioökonomierat berufen, welcher 2012 in veränderter Zusammen-setzung erneuert wurde und dann als Beratungsgremium der Bundesregierung bis 2019 aktiv war. 2014 veröffentlichte das Bundesministerium für Landwirtschaft seine Politikstrategie Bioökonomie. Dann verlor der Begriff Bioökonomie etwas an Dynamik und trat in den Hintergrund der politischen Kommunikation. Dies änderte sich nach der letzten Bundestags-wahl wieder. Die Nationale Forschungsstrategie Bioökonomie von 2010 wurde evaluiert und an einer neuen Strategie gearbeitet. Diese wurde nach einigen Verzögerungen im Januar 2020 veröffentlicht, passenderweise zeitgleich mit dem Startschuss des Wissenschaftsjahres 2020 Bioökonomie.

 

Nicht nur in Deutschland, auch in Europa und der Welt ist die Bioökonomie als wichtiges Zukunftskonzept angekommen. Ziel ist, die erdölbasierte Wirtschaft in eine biobasierte (also auf nachwachsende Rohstoffe basierte), nachhaltige Wirtschaft umzustellen. Wichtig dabei ist der Fokus auf Nachhaltigkeit, da der reine Ersatz von fossilen Energieträgern auf nach-wachsende Rohstoffe nicht per se gut für das Klima und den Erhalt der Ökosysteme ist. Gut zu sehen am Beispiel Bioplastik, welches nicht per se nachhaltiger ist, nur weil es aus pflanz-lichen Stoffen gemacht wurde. So gibt es Plastik aus Erdöl, das biologisch abbaubar ist und Bioplastik, das nicht biologisch abbaubar ist. Ebenso wichtig ist, dass es nicht nur um den bloßen Ersatz von Erdöl durch Rohstoffe biologischen Ursprungs geht, sondern auch um den Einsatz von Wissen und Technologien, um bessere, nachhaltige Prozesse und Produkte zu schaffen. Es gibt allerdings keine einheitliche, universell genutzte Definition der Bioökonomie.

 

Das Thema Bioökonomie ist also vielschichtig und durchaus komplex. Daher ist es sehr zu begrüßen, dass das Wissenschaftsjahr als wesentliches Kommunikationsinstrument des Bundesforschungsministeriums dieses Thema aufgegriffen hat.  Das Ziel der Wissenschafts-jahre ist, „die Menschen stärker für Wissenschaft zu interessieren und den gesellschaftlichen Dialog über Forschung zu befördern. Entwicklungen in der Forschung sollen für Bürgerinnen und Bürger transparenter und zugänglicher werden. Neben der Vermittlung der Themen und der wissenschaftlichen Inhalte soll das Wissenschaftsjahr gesellschaftliche Debatten über Entwicklungen in der Forschung anstoßen und vorantreiben.“ 1 Ursprünglich auf einzelne Dis-ziplinen wie Mathematik oder Informatik beschränkt, sind in den letzten Jahren fächerüber-greifende Zukunftsthemen am Zug. Die Bioökonomie vereint entsprechend verschiedene Industrie- und Produktionsbereiche sowie Technologien. Zentrale Schlüsseltechnologie ist die Biotechnologie, was schon die drolligen Icons bzw. „kleine Helden“ des Wissenschaftsjahres, die „Mega-Mikrobe“, das „Profi-Protein“ oder die „Allrounder-Alge“, verraten.

 

Dreh- und Angelpunkt des Wissenschaftsjahrs ist die Internetplattform

www.wissenschaftsjahr.de/2020/.

Hier werden in aktuellen Meldungen Forschungs- und Anwendungsbeispiele aus der Bioökonomie vorgestellt, ebenso wie die Köpfe dahinter. Zudem finden sich Hintergrund-informationen zum Thema und Veranstaltungshinweise. Jeder, der eine Veranstaltung rund um das Thema Bioökonomie plant, kann sich den Termin auf der Seite des Wissenschaftsjahrs eintragen lassen.

 

Auch die Deutschen Biotechnologietage, die jährlich von BIO Deutschland und dem Arbeitskreis der BioRegionen ausgerichtet werden, finden sich hier. Denn bei den Biotechno-logietagen spielt die Bioökonomie traditionell eine große Rolle, da Forscherinnen und Forscher sowie Unternehmen aus der industriellen Biotechnologie neue, umweltschonende Verfahren sowie nachhaltige und verbesserte Produkte entwickeln, so z. B. neue Baustoffe und Bioplastik aus Rest- und Abfallstoffen.

 

Die Mammutaufgabe des diesjährigen Wissenschaftsjahres ist, den Begriff „Bioökonomie“ in die Breite der Gesellschaft zu tragen. Der Bioökonomie gehört die Zukunft. Es ist daher wichtig, dass vor allem die jüngeren Generationen ein umfassendes Bild des Potenzials der Bioökonomie haben, gerade in Zeiten, in denen Klimawandel und Nachhaltigkeit in aller Munde sind. Ein weiteres wichtiges Ziel des Wissenschaftsjahres sollte sein, klar zu machen, dass Technologien, allen voran die Biotechnologie, unabdingbar sind, um die gesetzten Nachhaltigkeitsziele zu erreichen.

 

Die Biotechnologie, und auch die Gentechnik, erlauben es, den Ertrag von Kulturpflanzen zu steigern, Pflanzen fit für den Klimawandel und noch nahrhafter zu machen. Die Biotechno-logie ermöglicht es, den Kohlendioxidausstoß von Industrieprozessen zu reduzieren sowie Treibhausgase aus der Abluft zu entziehen und dann in Chemikalien umzuwandeln. Die Bio-technologie ermöglicht, es umweltschonender zu waschen, Abwässer zu reinigen und Böden zu renaturieren.

 

Die Deutschen sind zwar technologieoffen, aber nicht für alle Technologien. Oft ist auch nicht bekannt, wo überall Spitzentechnologien am Werk waren oder sind. Auf der Webseite www.101jahre-biotech.de finden sich zahlreiche Beispiele, wie die Biotechnologie dazu bei-trägt, die Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen zu erreichen. Auch dieser Aspekt sollte meines Erachtens eine wichtige Aufgabe des Wissenschaftsjahr Bioökonomie sein.  

 

Dr. Claudia Englbrecht, BIO Deutschland

 

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