Artikel aus RheinZeiger - Ausgabe 35

 

Miteinander von Startups und Mittelstand

 

Wir befinden uns im Zeitalter der Digitalisierung. Schlagworte wie In-novationsmanagement, Künstliche Intelligenz und eben Digitalisierung beherrschen derzeit den Alltag vieler Unternehmen. Dabei wird neben Agilität einer Zusammen-arbeit von Startups mit Unter-nehmen eine ganz besonders große Bedeutung beigemessen. Die sich ergänzenden Kompetenzen bieten ein großes Potenzial, insbesondere zur Belebung der deutschen Wirt-schaft insgesamt. Wie aber lässt sich eine solche Kooperation gestalten? Welche Rahmenbedingungen sind hier von Bedeutung, welche Heraus-forderungen sind möglicherweise zu überwinden? Hierzu liegen inzwi-schen verschiedene Studien vor; die jüngste wurde im Januar 2020 vom Institut der deutschen Wirtschaft (IW) vorgestellt.

 

Digitalisierung ist bei genauer Betrachtung keine wirklich neue Erscheinung. Allerdings hat sie ein Stadium erreicht, dass durch großes Tempo, insbesondere bei technischen Entwicklungen, dem Aufkommen so genannter disruptiver Geschäftsmo-delle und der rasend schnellen Ent-wicklung der Künstlichen Intelligenz gekennzeichnet ist. Bei alledem droht Deutschland den Anschluss zu verlieren – unter anderem werden schleppender Breitbandausbau, gesetzliche Regelungen und eine zu geringe Zahl innovativer Startups als Gründe angeführt.

 

Was ist die Ausgangssituation? Die Unternehmen haben ein laufendes Geschäft. Vielfach existieren eingefahrene, aber durchaus bewährte Arbeitsweisen und Organisationsregeln. Mit alledem sind sie seit Jahren erfolgreich am Markt tätig, pflegen Kontinuität und gute Beziehungen zu ihren Kunden. Neue Produkte, modernere Lösungen und Prozesse oder gänzlich neue Ideen sind gleichwohl gesucht. Hier ist die Entwicklung allerdings von Umsicht geprägt. Startups hingegen stehen am Anfang, suchen Abnehmer und Nutznießer ihrer – häufig revolutionär neuen – Ideen. Nicht selten suchen sie auch Geld für den Unter-nehmensaufbau. Sowohl das Geschäftsmodell wie auch die Unternehmensorganisation sind „anders“, befinden sich teilweise noch im Reifeprozess. Ihr Vorteil: Sie sind kreativ, flexibel, vielleicht auch ein wenig naiv, und sie müssen keine Rücksicht nehmen auf bestehende Strukturen.

 

Entwicklung von Innovationen Mittelständische Unternehmen neigen offenbar eher zu inkrementellen Innovationen, während Startups eher disruptives Geschäftsgebaren an den Tag legen. „Die Definition von Startups beinhaltet, dass sie ein innovatives, skalierbares Geschäftsmodell haben. Das beinhaltet oft eher disruptive Innovationen“, sagt die Wirt-schaftswissen- schaftlerin Barbara Engels, die am Institut der deutschen Wirtschaft zur Digitalisierung forscht. Im Ergebnis weisen die mittelständischen Unternehmen ein nachlas-sendes Innovationsengagement aus, während die Startups hier ein durchaus risikofreudiges Verhalten zeigen. Wenn denn Kooperationen für Unternehmen und für die Wirtschaft insge-samt vorteilhaft sind, „und davon gehen wir aus“ – so Barbara Engels, müssen die Unter-schiede bei der Unternehmensphilosophie und im Innovationsverhalten überwunden werden. Weitere potenzielle Probleme bei der Kooperation zeigt die mittlere Abbildung.

 

Unabhängig von diesen beiden Herausforderungen scheint aber beispielsweise die gegen-seitige Kenntnis voneinander (Startups und Unternehmen) auch ein wesentlicher Aspekt zu sein. Diese Kenntnis wiederum hat offensichtlich etwas mit der räumlichen Nähe zu tun. Befragungen hierzu wurden vom RKW Kompetenzzentrum durchgeführt. Dabei wurde auch die Erkenntnis gewonnen, dass Kontakte in erster Linie durch Empfehlung oder Zufall entstehen. Die obere Abbildung zeigt die führenden deutschen Startup-Hochburgen und die regionalen Schwerpunkte der Ansiedlung mittelständischer Industrie. Generell ist festzustellen, dass die mittelständische Industrie trotz der vorhandenen regionalen Schwerpunkte räumlich weit weniger konzentriert ist als die Startup-Landschaft.

 

Kooperationen sind auf dem Weg Inzwischen kommen Kooperationen zwischen Startups und etablierten Unternehmen voran. Zu diesem Schluss kommt auch eine neue Studie zu Chancen und Herausforderungen solcher Kooperationen, die Barbara Engels zusammen mit ihrem Kollegen Klaus-Heiner Röhl Anfang 2020 veröffentlicht hat. Vor dem Hintergrund der fort-schreitenden Digitalisierung wird die Kooperation von Unternehmen mit Startups als hilfreich und nützlich gesehen.

 

Die kulturellen Gegensätze lassen allerdings nach wie vor die Startups und Unternehmen wie zwei Welten gegenüberstehen, in die einzutauchen schwierig ist. Dies erschwert das Abrufen des vollen Potenzials der Kooperation nach wie vor deutlich. Das zeigt sich auch bei der Kontaktaufnahme: Während Mittelständler auf persönliche Kontakte setzen, pflegen Startups den digitalen Austausch. Beide Seiten müssen lernen, sich auf den Partner einzulassen, seine Sprache zu sprechen. „Die digitale Kommunikation kann natürlich auch dabei helfen, räum-liche Distanzen zu überwinden“, sagt Barbara Engels.

 

Wie eine Unternehmensbefragung des BDI-Familienunternehmenspanels zeigt, die Engels und Röhl im Rahmen ihrer Studie zitiert und erweiternd ausgewertet haben, können die Motive für eine Kooperation ganz unterschiedlich sein (siehe Abbildung unten). Häufig geht es um die Erschließung neuer Technologien. Aber auch der Zugang zu neuen Märkten oder auch zu talentierten Fachkräften können wichtige Motive sein. Ferner spielt der Digitalisierungsgrad der Unternehmen eine bedeutende Rolle.

 

Kommt eine Kooperation zustande, ist eine große Mehrheit der Unternehmen mit dem Ergeb-nis sehr zufrieden. Hilfreich ist insbesondere auch eine gemeinsame Zieldefinition. Einigen Unternehmen erscheint die Kooperation mit Startups als notwendig, um in Zukunft in einer immer stärker digitalisierten Welt im Wettbewerb bestehen zu können.

 

Alternativen und Networking Für beide, Startups und Unternehmen, hat die Kooperation offensichtlich unterschiedliche Bedeutung. Während Startups in ihrer Wachstumsphase stark von Partnerunternehmen abhängig sind, haben etablierte Firmen auch die Möglichkeit, durch Kooperationen mit Forschungseinrichtungen, anderen Unternehmen oder durch eigene Forschungs- und Entwicklungstätigkeit Vorteile zu entwickeln.

 

Trotz digitaler Netzwerke bleiben persönliche Kontakte und Networking-Formate hoch relevant. Der Austausch „Face to Face“ wird durch digitale Formate allenfalls unterstützt. Daraus wird die Wichtigkeit funktionierender Startup-Ökosysteme oder Cluster deutlich. Eine Kombination aus klassischen Formaten der Vernetzung wie Messen und Pitches mit digitalen Kooperationsplattformen dürfte somit am ehesten zielführend sein. Engels: „Startups und etablierte Unternehmen sollten sich auf allen Ebenen vernetzen.“ 

 

Barbara Engels, Institut der deutschen Wirtschaft

 

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