Networking & Coworking

Die ureigensten Qualitäten des Rheinländers

Was muss der Unternehmer haben, was der Nicht-Unternehmer nicht hat? Tja, Kohle, denkt der  Arglose, Kohle sollte der Unternehmer haben. NEIIIIIIIIN! Kohle ist das Letzte, was der Unternehmer  braucht, wenn er ein Unternehmen gründen will. Er muss eine Idee haben, das ist das  Entscheidende. Die Kohle findet sich dann ganz von selbst.      

Ich habe ja immer wieder in meinen Betrachtungen darauf  hingewiesen, dass der Rheinländer kein Deutscher ist. Er ist  mediterraner Händler. Das Jagen überlässt er den Bergischen  und das Sammeln den Eifelern, sofern es sich um  Beeren und Bärlauch handelt. Der Rheinländer ist Händler,  er war es immer schon. Er gehört zu denen, die mit einem  Salatkopf in der Garage anfangen und nach zehn Jahren  gehört ihnen die halbe Straße. Was meinen Sie, warum der  Römer sich hier so wohl gefühlt hat? Weil er unter seinesgleichen  war, das ist die Wahrheit. „Du hasse Pecorino, ick  Basilikum unnede Walenusse, macken wir auf Fabrik für  Pesto, subito!“ und schon ist der Markt bereitet.      

Das hat der Kölsche übernommen: „Ich han Röggelchen, du  häss Kies, dadrus maache mr ‚ne halve Hahn, Portion für  4,50 und in zehn Johr gehört uns die Malzmühle!“. Das ist  das, was Neider gerne als die rheinische Geschäftstüchtigkeit  bezeichnen, nur: das ist erst ein Teil der rheinischen  Wahrheit. Cleverle’s gibts ja auch woanders. Der Schwabe,  der das second-hand-Toilettenpapier erfunden hat gehört  da ja auch dazu. Wissen Sie, wie Kupferdraht entsteht? Indem  sich zwei Schwaben gleichzeitig nach einem Cent bücken!  Ein Scherz, der das erste mal in einer Münchner satirischen  Zeitung im Jahre 1832 erschienen ist. Daran können  Sie sehen, wie stabil manche Regionalprofile bleiben! Nein,  beim Rheinländer geht es weiter. Er ist der Erfinder des  Netzwerks, keine Hungersnot hat ihn in den Tod treiben,  kein Krieg hat ihn vernichten können, er hat immer die  richtigen Connections gehabt, die sein Überleben sicherten.      

Beispiel? Hier: 

Seit dem 1870/71er Krieg, in dem man in größeren Gruppen  mal schauen wollte, ob der Franzose hat, was der Deutsche  nicht hat, geistert eine geheime Ordre durch die Generalstabsstuben  (natürlich nie schriftlich fixiert), die durch alle  Kriege bis heute Geltung hat (so hat es mir ein ehemaliger  Inspekteur der Bundeswehr erzählt): den Rheinländer im  Ernstfall, also im Krieg, niemals zu mehreren, geschweige  denn als ganze Kompanie, an die vorderste Front zu stellen.      Warum? Weil er, kaum an der Front, schon in Geschäfte  mit dem Feinde verwickelt war. Gott, wenn man so in den  Gräben einander gegenüberliegt, dat jeht esu schnell:  „wir haben Brot hier un Kaffee, wat habt Ihr dann? Wie: ihr  habt Hühnchen? Aus der Bresse? Und kein Brot? Wir bieten  drei Brote für e Höhnche! Und wat habt er sonst noch?  Wat, Bier hatt ehr och? Watt dann für Bier? Alt? Dat tut  uns aber leid!“ Und schwupp! war der Handel perfekt.      Das ist die berühmte Fähigkeit zu maggeln, die schon den  preußischen Generalstab 1870/71 in die schiere Verzweiflung  getrieben hat. Man pfiff die Rheinländer in die Etappe  zurück und verhinderte ab da (und zwar auch im ersten  und zweiten Weltkrieg), dass an der Front nur Rheinländer  liegen. Da hat man andere hingeschickt: wofür hat man  denn die Bayern! Damals an der Front, heute Flüchtlingspuffer!  Für irjenswat is jeder jot, sagt der Kölsche, und  wenn et für die Mülltonn es.      Also: Netzwerk, da waren wir dran, und da kann man nur  sagen: der Rheinländer? Meisterhaft. Weil er über ein  angeborenes  Unternehmer-Gen verfügt. Egal ob als  Angestellter  oder als Selbständiger: bevor er irgendwas  unternimmt, wird erstmal ein Netzwerk geknüpft. Und das  natürlich nicht im Büro sondern „draußen“, in der  Wirtschaft.  Es ist ja kein Zufall, dass der Rheinländer zur  Gaststätte „Wirtschaft“ sagt, das gesamte Wirtschaftsleben  spielt sich ja in der Wirtschaft ab. Da wird gemacht  und getan, da wird geknüpft und geklüngelt, da ist das  ideale Bio-Top für den rheinischen Unternehmer.          Ko l u m n e B e i k i r c h e r 15 

Beispiel? Bitte: 

Ich stand nach einem Auftritt in der Kneipe an der Ecke,  es mag so gegen Mitternacht gewesen sein, als sich links  neben mir folgende Szene abspielte: 

“Tach Jupp, wo küss du dann he?”  “Och, ich kummen vun enem Termin.”  “Wie: sid ihr vun dr Versicherung um die Zick noch om  Arbigge?”  “Tja willse maache: dä hätt mich ovends um zehn ens  anjerufe.  Wasserschade”.  “Un? Hässe dr verstoppte Klo frei jekräje?”  “Kann ich dir sage: dä Schnarchsack vum Handwerker-  Notdienst stund ei Stund später vür dr Dür, do hatt ich dr  Avfluß at repareet un dr Schaden opjenomme!”  “Zick wann bes du dann unger die Handwerker jejange?”  “Och, dat fiel mieh unger ‘Schadensbejrenzung’. Dä janze  Klo stund jo unger Wasser. Do kannse nit eifach zuluure,  dat jeiht jo nit. Flügg anjepack, hät sich der Fall”.  “Du ärmen Deuwel, kumm, don dir ei Kölsch. Ewwer he, wo  du jradens vun Schaden am Spreche bses: ich wollt dich  morje früh anjerufe han, ewwer wo du suwiesu he be …  Folgendes: dä Klein, dä Marcel, kennse jo, fünnef Johr, ne,  dä hätt sich hück nohmeddach en dr Finger jeschnigge,  met minger Brill, wo ich dropjetrodde wor, un wie dä do  stund, die janze Hand voll Blot, wollt ming Frau dä Klein en  dr Ärm nemme, stolpert un hät sich dä Ärm jebroche un  jetzt wollt ich ens froge, wie mir dat dann versicherungstechnisch  en die Reih krieje künne …”. 

Und als ich gegen eins nach Hause ging, waren die beiden  immer noch dran. So was, Herrschaften, lernt man in  keiner  Ausbildung, so was kann einem auch keiner abnehmen,  so was ist einem angeboren oder nicht. Der Rheinländer  ist Coworker wie es im Buch steht, also Zu-Arbeiter.  Weil er weiß, wie es geht, lässt er die anderen arbeiten! 

Und das ist das Geheimnis: wer weiß, wie‘s geht, weiß  auch, wen er was tun lassen muss. Oder: Opfer sind dazu  da, sie bringen zu lassen!  Und Sie sehen: dem Unternehmer-Gen im rheinischen  Menschen isses egal, ob es um große oder kleine Objekte  geht, ob es um Millionen oder nur um einen Fuffi geht: es  ist immer da und es arbeitet. Was sind der levantinische  Händler, der ungarische Rosstäuscher oder Donald Trump  gegen diese phänomenalen Fähigkeiten?! Der Rheinländer  gestaltet ja sogar seine Lieblingsjahreszeit, die fünfte,  wie ein Unternehmer. Ein Blick in die grandiose Planung  einer Session beweist das. Und dass er sogar das Privateste  unternehmerisch sieht, zeigt ein alter Tünnes & Schääl  Klassiker: 

Tünnes und Schääl begegnen einander am Freitagabend.  Tünnes ist ‚staats’ gekleidet: Anzug, weißes Hemd, Krawatte  und unterm Arm ein Gebetbuch. Tünn, wat sühsse vürnehm  us, wohin jeihste dann?“ „Ich? Ich jon nohm Puff!“  „Un wofür hässe dann dat Jebetbuch ungerm Ärm?“ „Och,  wenn et schön es, blieven ich bis Sonndaach!“  So agiert ein Unternehmer: vorausschauend und investitiv.  Es kann ruhig teurer werden, wenn es sich wirklich lohnt. 

In diesem Sinne: bleiben Sie im Rheinland und vertrauen  Sie den Genen des rheinischen Menschen, Sie werden  nicht enttäuscht sein!   

Ihr Konrad Beikircher

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