Was ist eigentlich Innovation?

Digitalisierung ist heute ein Innovationstreiber

Innovation ist ein paradoxes Phänomen: Als Begriff wird sie geradezu inflationär bemüht – in den  Medien, der Werbung, dem Marketing … Doch in Wahrheit ist sie ein knappes Gut. Begehrt,  gesucht,  schützens- und fördernswert! 

Aber was bedeutet Innovation?  Anfang des 20. Jahrhunderts hat der Ökonom Joseph Alois  Schumpeter den Begriff Innovation erstmalig in die Wirtschaftswissenschaften  eingeführt. Dabei unterschied er  die Innovation von der Invention, also Erfindungen, neue  Ideen, Prototypen oder Konzeptentwicklungen vor der  Markteinführung von der Innovation, zu der nach Schumpeter  untrennbar auch ihre erfolgreiche Um- und Durchsetzung  am Markt gehört. Schumpeter hielt die Innovation  für „die eigentliche Funktion des Unternehmers“. Er sah  den Unternehmer, den Entrepreneur, als treibende Kraft  der Innovation: Eine Persönlichkeit, die etwas unternimmt  und bereit ist, große Verantwortung und hohes Risiko zu  übernehmen.  Im heutigen globalen Wettbewerb  brauchen wir genau  solche Gründer- und Unternehmerpersönlichkeiten  für Deutschland – dringender  denn je. Aber innovative  Gründer und Unternehmer  stoßen stets auch auf Widerstand.  Denn obwohl die  letzten Generationen der Menschheit die Erfahrung gemacht  haben, dass Wohlstand und Komfort dank technischer  wie sozialer Innovationen massiv wuchsen, haben  viele Menschen Angst vor den Veränderungen, die Innovationen  mit sich bringen. Diese Angst zeigt sich aus meiner  Sicht auch in der aktuellen Diskussion über das bedingungslose  Grundeinkommen. Ausgerechnet zu einem Zeitpunkt,  an dem praktisch Vollbeschäftigung herrscht und  der Fachkräftemangel zunimmt, fürchten sich viele vor  Massenarbeitslosigkeit durch die Digitalisierung. 

Dabei könnte uns die Erfahrung lehren, dass Fortschritt  zwar zu einer Veränderung der Arbeitswelt führt, aber  nicht dazu, dass die Arbeit des Menschen nutzlos wird.  Es werden sich neue Beschäftigungsperspektiven ergeben,  die wir heute noch gar nicht voraussehen können. Hier hat  die Bildung die große Aufgabe, der jungen Generation  nicht nur eine solide Grundlage an Wissen und Methoden  mitzugeben, sondern auch geistige Flexibilität und Offenheit  zu trainieren. Das bedeutet, dass wir auch bei der Aus und  Fortbildung innovativer werden müssen! 

Im übrigen ist die Überwindung der Ablehnung oder zumindest  Zurückhaltung vieler Menschen gegenüber Neuem  auch der Schlüssel für den Erfolg von Innovationen.  Entscheidend dafür, ob neue Produkte, Prozesse oder Services  langfristigen Erfolg oder Misserfolg haben, hängt –  wie es der Organisationsforscher Geoffrey A. Moore beschrieben  hat – davon ab, ob der Übergang zwischen der  Ansprache der relativ kleinen Gruppe der Innovatoren sowie  der Early Adopters, die Innovationen lieben, einfach  weil sie neu sind, und der Ansprache der wohlwollenden  oder eher zögerlichen Konsumentenmehrheit gelingt.  Zwischen  diesen beiden Gruppen liegt eine Kluft oder  „chasm“. Moore sagt: Wenn es nicht gelingt, die Kluft  zwischen  diesen beiden Gruppen zu überwinden, dann  verpufft die Innovation. Er empfiehlt, an diesem Punkt im  Produktlebenszyklus auch die Kommunikationsstrategie  zu wechseln: Vereinfacht gesagt, von einem „Das hat noch  keiner. Sei der Erste!“ zum „Das haben alle, sei auch dabei!“

Moores Theorie erklärt auch, warum nicht zwangsläufig  der „First Mover“ in einem Markt langfristig dominiert. Ein  Beispiel: Das iPhone war beileibe nicht das erste Smartphone.  Diese gab es bereits in den späten 1990er Jahren.  Aber erst mit der Einführung des iPhones 2007 gewannen  sie nennenswerte Marktanteile. Eine starke Marke, cooles  Design, gutes Marketing und konsequente Benutzerfreundlichkeit,  also eine positive „User Experience“ halfen,  die Kluft zwischen den „Nerds“ und dem Massenmarkt zu  überwinden. So wurde das iPhone zum Welterfolg. 

Kommunikation und Design spielen also eine große Rolle  beim Erfolg einer Innovation. Design ist ein äußerst effektives  Mittel, um technische Innovationen zu kommunizieren  und für Käufer beziehungsweise Anwender zu erschließen.  Und natürlich ist Innovation auch nicht gleich Innovation.  Es gibt einerseits die inkrementellen oder evolutionären  Innovationen und andererseits die disruptiven Innovationen.  Bei der inkrementellen oder evolutionären Innovation  wird eine bestehende Technologie oder ein existierendes  Produkt verbessert, effizienter und/oder günstiger.  Disruptive Innovationen dagegen verändern die Spielregeln  auf dem Markt oder im Nutzungsverhalten der  Menschen und verdrängen am Ende etablierte Unternehmen  und Produkte. Interessanterweise wird die Disruption  manchmal gar nicht durch wirklich neue, sondern  durch bereits bestehende und bekannte Technologien,  Produkte oder Dienstleistungen ausgelöst. 

Apple ist hierfür wieder ein gutes Beispiel, wie mit disruptiven  Innovationen neue Märkte geschaffen und Spielregeln  verändert werden, obwohl die initialen Produkte hierzu  technisch teilweise weniger können als ähnliche  existierende Produkte. 

Aber dafür haben sie eine hervorragende Benutzbarkeit  und eine geniale Rekombination von Vorhandenem und  erschließen damit neue Zielgruppen und neue Anwendungsfälle.  Anders ausgedrückt: Die disruptive Innovation  liegt hier weniger in der Technologie als vielmehr im Geschäftsmodell! 

Als Unternehmer stehen wir mit unseren Produkten und  Geschäftsmodellen in einem sich immer weiter verschärfenden  internationalen Wettbewerb. Deshalb brauchen wir  Innovationen und müssen ein Umfeld schaffen, das Innovation  begünstigt. Innovationsmanagement wird zu einem  strategischen Erfolgsfaktor für Unternehmen. Nur wer  erfolgreich  in immer kürzeren Produktlebenszyklen wettbewerbsfähige  Produkte global vermarktet, kann sich  langfristig behaupten.   

Startups, die ja zur Verwirklichung  einer innovativen Geschäftsidee  gegründet wurden, repräsentieren eine solche  Innovationskultur.  Deshalb ist der Austausch zwischen  Startups  und etablierten Unternehmen  so wichtig. Sie ergänzen  sich und können voneinander lernen. 

Zu einer solchen Kultur der Innovation gehören eine  Fehlerkultur  und Freiräume für kreative Mitarbeiter. Aber  auch neue Methoden und Managementansätze wie Design  Thinking als Methode, um disruptive Innovationen systematisch  herzustellen. 

Zur Innovationskultur gehört auch Vielfalt, das Schlagwort  dazu: Diversity. Diverse Teams erzeugen mehr unterschiedliche  Sichtweisen auf Problemstellungen und ermöglichen  so kreativere Lösungen.   

Agilität gehört ebenfalls dazu. Im allgemeinen Sinne von  Schnelligkeit und Beweglichkeit. Aber auch im spezifischen  Sinne von agilen Methoden und Organisationsformen.  Diese sind bei der Entwicklung von Software respektive  den Software-Komponenten von Industrieprodukten  heute  „State of the Art“. Unternehmer in der klassischen  Industrieproduktion sollten prüfen, wie Ansätze der agilen  Entwicklung auf ihre Prozesse übertragbar sind. Die smarten  Produkte von morgen sind ohne Software-Komponente  nicht denkbar. 

Ein weiterer Punkt: Offenheit und Austausch auch über  Unternehmensgrenzen hinweg. Innovationen sollten keine  Insellösungen sein. In der Praxis ist das Kundenerlebnis  nicht mehr zwingend an eine Marke oder an eine Plattform  gekoppelt. Kunden erwarten eine nahtlose, positive User  Experience über die gesamte Nutzung von Produkten und  Dienstleistungen hinweg. Dafür benötigen wir mehr  Offenheit  auf allen Seiten: Mehr offene Businessmodelle,  mehr offene Plattformen. 

Aktuell bietet die Digitalisierung eine riesige Chance. Sie  entwickelt ihre außerordentlich breite Wirkung, weil sie als  Querschnittstechnologie nicht nur in ganz unterschiedlichen  Branchen und Anwendungen die Produktivität  steigert,  sondern auch neue Produkte, Prozesse und eben  völlig neue Geschäftsmodelle ermöglicht. Die Digitalisierung  in ihren verschiedenen Ausprägungen ist damit  heute der Produktivitäts- und Innovationstreiber Nummer  eins. Wer dies im unternehmerischen Alltag in erfolgreiche  Innovationen umsetzen will, benötigt letztlich vier Grundvoraussetzungen:  Kreativität, gesunden Menschenverstand,  Durchhaltevermögen – und Mut!      

Dr. Sandra von Möller, BÄRO GmbH & Co.KG

Bild: RTZ

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