Artikel aus RheinZeiger - Ausgabe 36

 

Unternehmertum und die Selbständigen-Quote in Deutschland

Es war das Projekt Phoenix der Arbeitsagentur, welches die Phan-tasie vieler Menschen anregte. Es ging darum, arbeitslose Führungs-kräfte wieder in Jobs zu vermitteln. Nun lassen sich Führungskräfte oft nicht einfach so vermitteln, es sind schließlich Führungskräfte. Und das bedeutet, dass sie in der Regel eine hohe Qualifikation aufweisen, sich eher als Chefs denn als Angestellte fühlen und auch eine gewisse Vorstellung vom Gehalt haben. 

 

Dennoch sollten auch diese Arbeitslosen eine Perspektive für ihr eigenes Berufsleben finden können. Und wenn es doch Menschen sind, die Führungsqualitäten haben und sich mit Management-Aufgaben auskennen, dann sollten sie vielleicht auch die hinreichende Qualifikation und Motivation mitbringen, unternehmerisch tätig zu werden – das ist doch eigentlich nur einen Schritt weiter gedacht. Genau diesen Gedanken hatten zu Anfang des Jahrhunderts viele Berater, die für die Arbeitsagentur Workshops durchführten mit dem Ziel, genau diese arbeitslosen Führungskräfte auf einen wie auch immer gearteten Wiedereinstieg in das Wirtschaftsleben zu trainieren.

 

Zu diesen Beratern gehörte auch Helge Thomas, der sich damals als Consultant in Heidelberg mit vielen Fragen des Unternehmertums beschäftigte. Selbstständigkeit war für ihn etwas in höchstem Maße Erstrebenswertes. Und er fragte sich daher auch, warum die Selbstständigen-Quote in Deutschland kontinuierlich nur bei rund 10 % liegt. Darüber hinaus stand die Frage im Raum, warum es nur wenige Kooperationen von Startups mit mittelständischen Unternehmen gibt. Also sollte sich ein Vorhaben ähnlich dem Projekt Phoenix für weit mehr nutzen lassen.

 

Damals liefen auch in Köln, konkret auch im RTZ, solche Seminare und Workshops für arbeitslose Führungskräfte unter dem Titel „Start im Team“. Die Gründung eines Unternehmens ist bekanntlich oft harte Arbeit und erfordert Know-how aus verschiedenen Bereichen. Deshalb ist vorteilhaft, wenn sich mehrere Experten zusammenfinden und im Team gründen. Somit bestand in diesen Seminaren das Ziel darin, aus den teils sehr unterschiedlich geprägten Führungskräften Teams zu formen, die dann gemeinsam ein Unternehmen gründen könnten. Gute Voraussetzungen also, mit so vielen Initiativen und Experten das Thema Entrepreneurship nach vorne zu bringen, potenzielle Gründer miteinander und mit Unternehmen zu vernetzen. Networking war allerdings damals noch relativ neu. Viele „Social Networks“ waren noch sehr jung oder noch gar nicht gegründet. LinkedIN kam 2002, XING wurde 2003 unter dem Namen Open Business Club (Open BC) und Facebook 2004 gegründet. Heute wissen wir, wie wichtig Networking für Gründer ist, heute ist Networking selbst-verständlich.

 

Inspiriert und motiviert durch Phoenix war es schließlich in 2007 eine Heidelberger Gruppe um Helge Thomas, die sich vornahm, das Projekt „20 Prozent bis 2020“ auf die Beine zu stellen. Ziel sollte es sein, die Selbständigen-Quote bis 2020 zu verdoppeln, also quasi Phoenix zu skalieren. So wie Startups ja auch skalieren sollen. Und dieses Skalieren sollte unter anderem dadurch realisiert werden, dass jede selbständige Person in diesem Zeitraum eine weitere Person von der Selbständigkeit überzeugt. Das schien machbar. 

 

Viele arbeitslose Führungskräfte galt es zu trainieren, ihnen die Erstellung eines Business-plans beizubringen und sie auf eigenverantwortliches Handeln einzustimmen. In diesem Programm war die Frage „Was würdest Du tun, wenn Du kein Geld verdienen müsstest?“ ein echtes Schlüsselerlebnis. Die erste Reaktion in der Gruppe war zumeist Totenstille. Erst langsam besann sich der eine auf sein Hobby, die andere auf ihre Leidenschaften. Und so entstanden Ideen, Ideen zur Gründung von Unternehmen – ein hoffnungsvoller Ansatz. Und Helge Thomas konnte ja begeistern mit seinem Brennen für „die Lust, etwas Eigenes anzu-packen und sich nichts vorschreiben zu lassen“.

 

Diese Erfahrungen schließlich waren hinreichende Motivation, erstens den Verein „20 Prozent e. V.“ zu gründen und zweitens mit dem noch jungen Magazin brand eins über diese Initiative zu reden. Nach kurzer Zeit war der Verein gegründet, brand eins brachte eine komplette Ausgabe zu diesem Thema, und die Website www.20prozent.org wurde freigeschaltet. Diese Webseite sollte am 31. Dezember 2020 abgeschaltet werden, weil man dann das Ziel „20% Selbständigen-Quote“ erreicht haben würde. Man ging mit Elan ans Werk und es gab eine Kick-off-Veranstaltung zur Initiative. In der Folge wurden viele Aktivitäten durchgeführt, von Vorträgen über Seminare bis hin zu Publikationen über Themen der Selbständigkeit. 


Und doch: Was damals hoffnungsvoll begann, musste (leider!) nach wenigen Jahren abge-brochen werden. Es zeigte sich, dass die Vision nicht in Realität umgesetzt werden konnte. Seit vielen Jahren lässt sich aus den Monitoren ablesen, wie viele Existenzgründungen jährlich stattfinden. Die Publikationen beispielsweise des Bundesministeriums für Arbeit dokumen-tieren die Selbstständigen-Quote. Vielleicht erinnern sich viele an die ersten Jahre des neuen Jahrtausends. Da war die geplatzte Internetblase, dann kam die Finanzkrise. Und in all den Jahren gingen die Gründerzahlen zurück (vgl. Artikel „Zukunft durch Existenzgründung“). Die Selbständigen-Quote in Deutschland blieb in dieser Zeit nahezu konstant. Sie lag bei rund 11 %, als die Heidelberger Initiative startete, sie liegt heute knapp unter 10 Prozent.

 

Das Ergebnis muss nicht negativ sein. Vielleicht hat diese „Stabilität“ auch Vorteile. Vielleicht war die Zeit 2007 für eine solche Vision noch nicht reif. Wie würde sich eine solche Initiative heute entwickeln? Wir erleben die Folgen einer Corona-Pandemie. Wir wissen, dass die fortschreitende Digitalisierung die Arbeitswelt nachhaltig verändern wird. Roboter erobern mehr und mehr unseren Alltag. Derzeit läuft ein Pilotvorhaben zum bedingungslosen Grundeinkommen. Neue Zeiten, neue Welt, neues Unternehmertum? Ist heute die Zeit reif für eine solche Vision? Fest steht, der Mensch ist ein soziales Wesen und braucht Beschäftigung. Fest steht auch, dass in den Dienstleistungsbereichen (nicht nur im Sozialbereich) zukünftig viel Nachfrage entstehen wird. Wir haben es (noch?) in der Hand, die Zukunft zu gestalten.

 

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